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    Die Antike – ein moderner Luxus? oder: Ist Griechenland noch relevant?

    01.09.2017

    Wäre man ein Zyniker, könnte man bei der Nachricht, dass 36 Griechisch- und Lateinstudenten und -dozenten  eine Exkursion nach Griechenland unternehmen, bemerken, wie passend es doch ist, dass eine Gruppe mit augenscheinlich überflüssigem Forschungsgebiet in ein beinahe irrelevant gewordenes Land reist.

    Doch in Griechenland selbst eröffnet sich ein anderes Bild: Zwar ist die wirtschaftliche Talsohle und der soziale Reformbedarf des Landes nicht zu übersehen, aber ebenso wenig sind es die Touristenströme, beispielsweise auf der Akropolis und in Olympia, die sich ausgerechnet an den archäologischen Stätten sammeln, obwohl dort doch eigentlich nur alte Steine zu sehen sind, die im Optimalfall oft doch nur noch den Grundriss eines Gebäudes ergeben. Um ehrlich zu sein, ist dieses Interesse aus Philologensicht nicht ganz nachvollziehbar: Denn zwar beschäftigen wir uns mit der Antike, jedoch mit der sprachlichen und literarischen Seite, die uns wenigstens ein paar Einblicke in die Lebens- und Denkweise der antiken Griechen gibt und die Orte mit ihren alten Steinen erst zum Leben erweckt. Ohne die Schilderung antiker Autoren wüssten wir schließlich oft gar nicht, wie manche Gebäude ausgesehen haben, was manche Reliefs darstellten oder welchem Zweck manche Gebäude und Plätze dienten.

    Es ist ein Paradox, dass sich die Fächer Altgriechisch und Latein ständigen Angriffen ausgesetzt sehen und immer wieder ihren Nutzen hervorheben müssen, während immerhin 3 Millionen Menschen am Sonntagsabend „Terra X“ schauen – die Antike ist dort ein sehr beliebtes Thema! Ist diese Form von Kultur schlicht ein moderner Luxus? Denn überleben könnten wir ja auch ohne das Wissen um die Vergangenheit. Haben wir einfach nichts Besseres zu tun oder ist das Interesse für die Antike Ausdruck eines Bedürfnisses nach Orientierung, einer Neugier um das eigene „Woher“?

    Werfen wir doch einen Blick in die Vergangenheit, als die Gesellschaft einen ähnlichen Wandel erfuhr, wie wir es jetzt tun. Reisen wir ins 8. Jh. v. Chr.: Die Große Griechische Kolonisation beginnt, unzählige neue Städte werden teils weit entfernt von der Mutterstadt gegründet, die Welt wird auf einmal groß und gleichzeitig klein, weil man nun weiß, wie man mit dem Schiff „ans andere Ende der Welt“ fahren kann. Und gleichzeitig macht sich in der Literatur eine Entwicklung bemerkbar, die uns heute nicht fremd sein dürfte. Das Epos, die Literaturform für die große Öffentlichkeit und Präsentation, muss der Lyrik weichen, die meist in kleinen privaten Zirkeln vorgetragen wurde und viel mehr von der Persönlichkeit des Autors wiederspiegelt, als es das Epos getan hatte. Zeitgleich fragen zum ersten Mal die Vorsokratiker nach dem Urstoff der Welt, nach dem „Woher“. Es ist der Ausdruck einer Zeit des Umbruchs, der Globalisierung, sich wieder auf den persönlichen Bereich und seine Wurzeln zu konzentrieren aus dem Bedürfnis heraus, sich nicht zu verlieren. Ist das ein Luxus? Vielleicht. Aber es ist kein moderner Luxus. Schließlich haben es schon die alten Griechen geschafft, sich mit Literatur und der Frage nach dem Ursprung auseinanderzusetzen und gleichzeitig technische, naturwissenschaftliche und gesellschaftliche Errungenschaften hervorgebracht. Es muss und es soll sich nicht die ganze Welt so ausufernd mit der Antike beschäftigen, wie es die Altertumswissenschaften tun. Aber die Gesellschaft sollte ihnen zumindest einen Platz einräumen, um die eigene Identität nicht zu verlieren.

    Was hat das jetzt mit der Griechenland-Exkursion des Instituts für Klassische Philologie der Universität Würzburg zu tun? Nun, es ist ein unvergleichlich intensiveres Erlebnis, die antiken Texte, die sonst nur in der Bibliothek gewälzt werden, an ihren Entstehungs- oder Wirkstätten zu erleben. Die Dozenten stellten dafür besonders wertvolle Texte zusammen, die von den Studenten vorgestellt und mit Kontext versehen wurden – vor Ort! Es ist schließlich ein Unterschied, ob man ein Drama liest oder es sich in der Original-Kulisse eines antiken Theaters, z.B. in Argos, vorstellen kann. Es ist ein Unterschied, ob man auf dem Fußboden-Mosaik in Pella zwei Männer und einen Löwen sieht oder Alexander den Großen, der von seinem Freund vor dem Löwen gerettet wird. Es ist ein Unterschied, ob man auf einem Marktplatz steht und eine große, blühende Grasfläche mit Steinen an den Rändern sieht oder ob man weiß, dass sich hier in der Antike das Leben abspielte, dass man sich hier traf und diskutierte, dass hier Reden gehalten wurden, salopp gesagt, dass hier die Demokratie entstand und betrieben wurde. Wir können dieses Wissen vernachlässigen. Wir können dieses Wissen in Bibliotheken verstauben lassen. Oder wir gehen hinaus und zeigen, dass die Antike lebt.

    Exkursionsbericht

    Von Birgit Breuer, Christoph Kretschmer

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