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    Philosophische Fakultät

    Getwitterte Kultur

    15.10.2017

    MaryAnn Snyder-Körber ist seit April Professorin für American Cultural Studies am Würzburger Lehrstuhl für Amerikanistik. Ihre Leidenschaft für Geschichten aller Art hat sie auf diesen Weg gebracht, denn: „Geschichten erzeugen Sinn und sie erschließen Sinn“, sagt sie.

    MaryAnn Snyder-Körber geht es nicht nur um Hochkultur – sondern gerade auch um jene Kultur, die im Alltag praktiziert wird. „Culture is Ordinary“ ist einer ihrer Leitsätze. (Foto: Catharina Tews)

    MaryAnn Snyder-Körber geht es nicht nur um Hochkultur – sondern gerade auch um jene Kultur, die im Alltag praktiziert wird. „Culture is Ordinary“ ist einer ihrer Leitsätze. (Foto: Catharina Tews)

    Die Frage, was „Amerikanistik“ genau ist, lässt sich nicht so einfach beantworten. „Ursprünglich verbindet das Fach Literatur mit Geschichte“, erläutert MaryAnn Snyder-Körber. Es kann aber weit darüber hinausgehen. Ihre eigene Professur hat einen Schwerpunkt auf der Kulturwissenschaft. Snyder-Körber beschäftigt sich mit Literatur, aber auch mit amerikanischer Film-, Kunst- und Mediengeschichte. Im Fokus steht die Frage, wie kulturelle Äußerungen wirken. „Texte oder Filme können zwar als ästhetische Objekte studiert werden“, erläutert sie. Doch sie nur auf ihre Ästhetik hin abzuklopfen, wäre ihr selbst zu wenig: „Denn sie wollen ja in die Welt hinein wirken.“

    Das Fach Amerikanistik ermöglicht es, sich mit komplexen kulturellen Phänomenen auseinanderzusetzen. „Genau das finde ich reizvoll“, sagt die gebürtige Amerikanerin. Wobei gerade auch der Begriff „Kultur“ für MaryAnn Snyder-Körber einen weiten Bedeutungsraum eröffnet. Der Würzburger Professorin geht es nicht nur um die sogenannte Hochkultur – sondern gerade auch um jene Kultur, die im Alltag praktiziert wird. „Culture is Ordinary“ meinte der britische Kulturtheoretiker Raymond Williams, der als einer der Gründer der „Cultural Studies“ gilt. Dieser Ausspruch gehört zu Snyder-Körbers Leitsätzen.

    Selbstständig denken

    Als Dozentin an einer Universität tätig zu sein, erlebt die Professorin als bereichernd, denn Universitäten sind für sie Orte, wo Menschen lernen, selbstständig zu denken. Das deutsche Hochschulsystem schätzt die Amerikanistin sehr, da es nach ihrer Ansicht wesentliche Vorteile gegenüber dem US-amerikanischen System bietet: „Ich konnte hier studieren, ohne mich zu verschulden.“ Nicht ständig mit existenziellen Problemen konfrontiert zu sein, schaffe Freiheit zum Denken.

    Den Ruf nach Würzburg nahm die Professorin mit Begeisterung an. In der Würzburger Amerikanistik setzt sich ein engagiertes Team mit Umweltfragen und Demokratie, Landschaft und Raum in der amerikanischen Literatur und Kunst sowie mit Immigration und afroamerikanischer Kulturgeschichte auseinander. Das passe gut zu Snyder-Körbers eigenen Forschungsinteressen: „Gerade zu meiner Auseinandersetzung mit technischen und medialen Umwelten, aber auch mit Fragen und Problemen der Moderne.“ Auch über die Arbeit mit den Kolleginnen und Kollegen an den benachbarten Lehrstühlen des Fachbereichs Englisch freut sich Snyder-Körber. „Die dort bearbeiteten Themen, von Mobilität über Transnationalität bis hin zu Gedächtnispraktiken und Popkultur, sind äußerst vielfältig und alle wichtig für eine fundierte Auseinandersetzung mit unserer modernen Welt“,  betont Snyder-Körber.

    Außerdem bot die Professur in Würzburg die Möglichkeit, das neue Schreibzentrum/Writing Center der JMU wissenschaftlich zu leiten: eine weitere Herausforderung, über die Snyder-Körber sich freut.

    Wachsendes Interesse an der Amerikanistik

    Das studentische Interesse am Fach Amerikanistik wächst nach den Beobachtungen der Hochschullehrerin. Was an den jüngsten politischen Entwicklungen innerhalb der USA, aber auch an der von den USA vorangetriebenen Globalisierung liegt. All das, was sich, ausgehend von Nordamerika, auf dieser Welt tut, wird selbstverständlich in Forschung und Lehre berücksichtigt: „Das Fach endet keineswegs an den geografischen Grenzen der USA.“

    Deswegen, so Snyder-Körber, sind Gespräche und Kooperationen mit Kollegen im breiten disziplinären Spektrum so wichtig.

    Was Fotos verraten

    Der Lehre misst MaryAnn Snyder-Körber eine hohe Bedeutung zu: „Für mich ist das eine Gelegenheit, mit den Studierenden in einen Dialog auf Augenhöhe zu treten.“ Ziel jeder Veranstaltung sei es, dass die Studentinnen und Studenten lernen, kritischer, genauer und bewusster zu lesen – und zwar nicht nur Texte: „Auch Fotos lassen sich lesen.“

    Eines der Seminare, die Snyder-Körber in diesem Wintersemester anbieten wird, beschäftigt sich mit „Fotografie und Schreiben“. Die Studierenden sollen erfahren, auf welche Weise Fotografien Geschichten erzählen. Fotos seien ja keineswegs neutrale Medien: „Sie sind konstruiert, der Fotograf entscheidet, was er zeigt und was nicht.“ Dadurch transportierten Fotografien Bedeutungen. Und sie beeinflussten die Emotionen des Betrachters.

    Im vergangenen Sommersemester bot die frischberufene Professorin ein Seminar über Neue Medien und deren Einfluss auf heutige Schreibpraktiken an: „Es ging zum Beispiel um die Frage, wie eine Novelle aussieht und auf den Leser wirkt, wenn sie in Twitter-Einheiten geschrieben wird.“ Immer mehr Schriftsteller experimentieren nach ihren Worten inzwischen mit solchen ungewöhnlichen Formen. Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan zum Beispiel schrieb mit „Black Box“ gar einen Agentinnenroman im Twitter-Format. Vor allem auf einem Nachrichtendienst wie Twitter stelle sich nach Snyder-Körber die Frage nach der Trennung von Fakt und Fiktion, Emotion und Information, Kunst und Politik.

    Die Fähigkeit, kritisch mit Informationen umzugehen, wird in den Augen der Professorin zunehmend wichtiger. „Schließlich werden auch die Nachrichten, die uns erreichen, immer komplexer." Das gilt auch, wenn sie nur 140 Zeichen haben.

    Zur Person

    MaryAnn Snyder-Körber stammt aus Kalifornien. An der University of California in Irvine studierte sie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik und Frauenstudien. Über ein Forschungsstipendium der Fulbright Kommission kam sie 1993 an die Freie Universität Berlin, um Germanistik zu studieren. 1998 machte sie ihren Magisterabschluss in Nordamerikastudien, Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft und Germanistik. Die Studienstiftung des Deutschen Volks förderte zwischen 2000 und 2003 ihre Dissertation zum Thema „Ästhetische Geschlechterspannung: Der weibliche Körper im Diskurs des Erhabenen“. 2014 habilitierte sich die zweifache Mutter in Berlin.

    Kontakt

    Prof. Dr. MaryAnn Snyder-Körber, T: +49 931 31-86839, maryann.snyder-koerber@uni-wuerzburg.de

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