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    Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie

    Pressespiegel - Meldung

    Archäologie auf dem Bullenheimer Berg

    04/30/2015

    Wie Vorgeschichtler in der Erde lesen

    Für Spaziergänger ist der Tafelberg oberhalb von Ippesheim, der Bullenheimer Berg, einfach ein Stück Wald, an dessen Rand sich ein toller Weitblick auf fruchtbare Ebenen und die Windräder an den Ausläufern des Steigerwalds auftut. Der Weinparadiesweg oder der Keltenerlebnisweg führen hier vorbei, ein Abstecher zur Ruine der Kunigundenkapelle oder zum vom Steigerwaldclub errichteten Aussichtsturm ist möglich. Viele Ausflügler nutzen die Weinparadiesscheune zur Einkehr.

    Für Archäologen ist das Bergpla­teau, das von Seinsheim aus über den Kapellenberg zu erreichen ist, ein Eldorado, gerade, was die Kultur der späten Bronze- oder Urnenfelderzeit (1300 - 800 v. Chr.) anbelangt. Die Münchener Archäologin Monika Hagl spricht sogar davon, dass die Bronzedepotfunde vom Bullenhei­mer Berg „aufgrund ihrer Quantität und Qualität die übrigen Hortfunde Süddeutschlands bei weitem über­ragen".

    Die Anfänge der vorgeschicht­lichen Forschung am Bullenheimer Berg gehen auf das Jahr 1973 zurück. Damals wurde entdeckt, dass das rund 32 Hektar große Hochplateau vollständig von einer Wallanlage umgeben ist. Archä­ologen gehen davon aus, dass die befestigte Höhensiedlung oberhalb von Bullenheim ihre Blüte in der Endphase der Urnenfelderzeit (zirka 880 bis 800 v. Chr.) erlebte. Dieser Begriff ist aus der Bestattungs­kultur abgeleitet, wobei nach der Verbrennung die Asche der Toten in Keramikgefäßen auf mehr oder weniger ausgedehnten Friedhöfen beigesetzt wurde.

    Stammt der Berliner Goldhut vom Bullenheimer Berg?

    Leider wurde rund 2850 Jahre später nicht nur die Wissenschaft auf die zur Gemeinde Ippesheim gehörende ehemalige Höhensied­lung aufmerksam. Auch Privatleute pflegten hier ein seltsames Hobby: In den USA war in den 60er Jahren die Schatzsuche mit Minensuch­geräten in Mode gekommen. In Würzburg oder Kitzingen sta­tionierte Soldaten hatten solche Geräte mit nach Deutschland gebracht und durchforsteten mit ihren Metalldetektoren das Gelän­de. Dadurch beschädigten sie das Bodendenkmal. Zugleich entstand ein Schwarzmarkt für Funde aus der Bronzezeit.

    Vom berühmten Berliner Goldhut kann man beispielsweise nur vermu­ten, dass er im süddeutschen Raum gefunden wurde. Der Kalender-Hut wurde 1996 auf dem internationalen Kunstmarkt als bronzezeitliches Ar­tefakt vom Berliner Museum für Vor-und Frühgeschichte aufgekauft und ist seither ein Aushängeschild des Museums. Nach Angaben des Ver­käufers stammte das Stück ursprüng­lich aus einer anonymen Schweizer Sammlung, die in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts aufge­baut worden sei. Der genaue Fundort wird sich wohl nie mehr bestimmen lassen — vereinzelt wird aber vermu­tet, dass der Goldhut möglicherweise vom Bullenheimer Berg stammt.

    Stadtähnliche Strukturen

    In den 80er Jahren wurden vor­wiegend die Befestigungsanlagen von der Würzburger Außenstelle des Landesamts für Denkmalpflege er­forscht und in Zusammenarbeit mit der Uni Würzburg wissenschaftliche Ausgrabungen durchgeführt. Dane­ben gab es jene privaten Sondengänger, die ihre Funde, wenn überhaupt, mit Verspätung an das Landesamt für Denkmalpflege meldeten.

    Dennoch können die Würzburger Wissenschaftler - heute das Team um Professor Frank Falkenstein - etliche gesicherte Aussagen zum Bullenheimer Berg treffen. Die Ar­chäologen gehen davon aus, dass das Gemeinwesen in der Urnenfelderzeit stadtähnlichen Charakter hatte, ja ein Zentralort war. Die Funde deu­ten auf verschiedenste Handwerke hin. Zugleich ist von einem religi­ösen und herrschaftlichen Zentrum die Rede, dem möglicherweise ein Priester(-könig?) vorstand. Die Bronze­schmiede und andere Handwerker dieser prähistorischen „Stadt" arbeiteten nicht nur für den lokalen Be­darf. Sie versorgten wohl auch die Landbevölkerung im weiten Um­kreis mit ihren Waren.

    Falkenstein beschreibt im Band 5 der Schriftenreihe des Städtischen Museums Kitzingen, dass im 9. Jahrhundert v. Chr. mehr als tausend Einwohner den Bullenheimer Berg besiedelten. An der Wende vom 9. zum 8. Jahrhundert hingegen verlie­ßen die Bewohner den Bullenheimer Berg, der damit das Schicksal der meisten anderen Höhensiedlungen Süddeutschlands in dieser Zeit teilt. Die Archäologen vermuten, dass eine anhaltende Klimaabkühlung die wirtschaftlichen Grundlagen der Sied­lung empfindlich geschwächt hat.

    Digitales Geländemodell

    2010 begann der Lehrstuhl für vor-und frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Würzburg mit den aktuell andauernden Feldfor­schungen - auch im unmittelbaren Umland des Berges. Er kooperierte mit dem Archäologischen Netzwerk Kitzinger Land, einem Zusammen­schluss von Laien unter Leitung des Städtischen Museums Kitzingen. Die erste archäologische Maßnahme war ein Airborne-Laserscanning. Ein Ultraleichtflugzeug mit einem GPS-gesteuerten Laserscanner überflog das Untersuchungsgebiet. In kurzen Intervallen werden bei dieser Me­thode Impulse zum Boden gesandt. Durch die Laufzeit des Echos wird der Abstand zum Boden gemessen. So wurde ein digitales Geländemo­dell, eine hochpräzise dreidimensio­nale Karte, erstellt. Finanziert wurde der Geländescan von den Gemein­den Seinsheim und Ippesheim, vom Landratsamt Kitzingen, der unterfränkischen Kulturstiftung, dem Bezirk Mittelfranken sowie durch die Sparkassenstiftungen Kitzingen und Neustadt/Aisch.

    Auf dieser Grundlage haben Stu­denten der Universität Würzburg das 32 Hektar große Bergplateau begangen und alle Funde mit einem GPS-Empfänger zentimetergenau eingemessen.

    Natürliches Vakuum für die Konservierung

    Mit diesen Daten arbeiten die Archäologen in der Innenfläche unter der Leitung von Privatdozent Dr. Markus Schußmann seit 2012. So sollen an verschiedenen Stellen des Plateaus die vorgeschichtlichen Siedlungsstrukturen und -abläufe er­hellt werden. Über ein interessantes Lagerungsverfahren von Getreide be­richtete Schußmann während eines Besuchs der einSteiger-Redaktion an der Grabungsstelle im Sommer 2014: Das Getreide, das man in erster Linie für die nächstjährige Aussaat brauchte, wurde in einer Grube luftdicht mit Erde bedeckt, so dass nach einem Auskeimen des Korns am Grubenrand ein natür­liches Vakuum entstand. Da wo kein Sauerstoff mehr war, gab es auch kei­ne Mäuse und keinen Schimmel, die die Saat hätten verderben können.

    Diese Art von prähistorischer Vorratshaltung erkennen die Archä­ologen anhand ihrer detaillierten Bodenbeobachtungen, bei denen der Laie höchstens unterschiedlich ge­färbte Erde sieht. Als angebaute Ge­treidearten ließen sich Gerste, Wei­zen, Emmer, Einkorn und Dinkel sowie Hirse belegen. Hülsenfrüchte wie Erbsen, Linsen und Ackerboh­nen kommen hinzu. Tierknochen hingegen haben sich aufgrund des sauren Bodens kaum erhalten und nur das Rind konnte daher bislang zweifelsfrei als Haustier nachgewie­sen werden. Ob die Versorgung aus dem Umland erfolgte oder die Bau­ern auch innerhalb der Mauern saßen muss allerdings erst durch zukünf­tige Forschungen geklärt werden.

    Mit einem Intermezzo im Mit­telalter, in dem die Hochfläche kurzzeitig unter dem Pflug stand, ist der Bullenheimer Berg seit dem vorgeschichtlichen Siedlungsende bewaldet. Dies schützte ihn nicht nur vor größeren menschlichen Bo­deneingriffen, sondern auch vor Ero­sion. Anders als auf vielen anderen Höhensiedlungen in Nordbayern ist daher großflächig eine prähistorische Siedlungsschicht erhalten. Deswegen gibt es dort mehr Funde als anders­wo, wenn auch kaum noch einen aus Metall. Nur so ist es den Forschern des 21. Jahrhunderts überhaupt möglich, bis in 70 Zentimeter Tiefe Quadratmeterraster anzulegen und die Siedlung systematisch und detailliert zu erforschen.

    Frühe Handwerkskunst

    In den bisher untersuchten Bereichen des Plateaus gab sich eine aus aufgereihten Einzelhöfen bestehende Grundstruktur zu erken­nen. Um einen freien Hofplatz gruppieren sich dabei ein etwas größeres Wohn- und ein oder vielleicht auch zwei kleinere Wirtschaftsgebäude (Scheune, Speicher etc.). Sogenannte Trittpflanzen wie etwa Spitzwege­rich und Vogelknöterich lassen auf ein fest etabliertes Wegenetz schlie­ßen. Die Häuser waren aus in regel­mäßiger Anordnung in den Boden eingegrabenen Holzpfosten aufge­richtet worden. Ihre Wände be­standen aus Holzplanken oder aus lehmbeworfenem Flechtwerk. Innen hatten sie eine feste Herdstelle und an verschiedenen Stellen auf dem Boden stehende Keramikgefäße, die der Aufbewahrung von Nahrungs­mitteln oder der Zubereitung von Speisen dienten.

    In den Haushalten wurde Garn gesponnen und Textilien gewebt, aber auch die Keramikgefäße für den täglichen Gebrauch hergestellt. Daneben gab es, so die Würzbur­ger Forscher, sicherlich auch schon erwerbsmäßige Töpfer, wie etliche sehr qualitätsvolle Tonwaren bele­gen. Zu den anderen spezialisierten Handwerkern des urnenfelderzeitlichen Bullenheimer Berges wie Bronzeschmieden und Wagnern, die durch die Bronzedepots zu belegen sind, kommen durch die neuen For­schungen nun auch noch Pechsieder und vermutlich der Schuster hinzu.

    Die neueren Untersuchungen wol­len aber die Siedlungsgeschichte des Berges über den Forschungsschwer­punkt der Urnenfelderzeit hinaus klären. So interpretiert Schußmann einige der dank Laserscanning sichtbar gewordenen „rippenartigen Strukturen" als vorgeschichtliche Terrassen. Andere Flurmerkmale lassen hingegen auf die im Mittel­alter typischen Wölbäcker schlie­ßen. Durch ein stetes Wenden der Schollen zur Ackermitte hin, waren hier etwa sechs bis acht Meter breite Ackerstreifen bis auf etwa 30 Zenti­meter aufgewölbt worden. Neuzeit­liche Hohlwege zeugen von intensiv mit Wagen befahrenen Wegen, die markante Einschnitte in die Land­schaft bildeten. Manche führen auf den Berg, durch die alten Tore und dienten vermutlich der Holzarbeit. Andere Hohlwege gehen am Berg vorbei und gehören zu einem alten Fernweg, der Reisende über Schloss Frankenberg in die Hellmitzheimer Bucht brachte.

    Unterstützung der Gemeinde

    Bürgermeisterin Dr. Doris Klose-Violette freut sich sehr über die Forschung am Bullenheimer Berg, bei der es sich nicht, wie in der Archäologie weit verbreitet, um Notgrabungen handelt. Sie versucht auch Dr. Schußmann mit seinen Nachwuchswissenschaftlern zu unterstützen, indem sie im Sommer die Bullenheimer Gemeindehalle zur Verfügung stellt. Dort können Funde gelagert und gereinigt wer­den. „Wir leben hier auf wahrhaft geschichtsträchtigem Boden", sagt die Ippesheimer Bürgermeisterin. Das fruchtbare Land sei seit Jahr­tausenden besiedelt. Klose-Violette hofft sehr, dass die Forschung weiter und noch mehr in die Tiefe geht.

    Prähistorische Funde können im Museumsraum in Ippesheim nach Voranmeldung besichtigt werden. Die Rathauskanzlei ist montags, dienstags und donnerstags unter der Telefonnummer 093 39/144 zu erreichen. Übrigens gibt es analog zum Ötzi in Ippesheim einen „Ippsi" zu bestaunen — ein wenn auch nicht mehr ganz vollständiges rund 6000 Jahre altes Skelett.

    In: einSteiger Magazin 5. Jahrg. 2015, Text: Judith Marschall, Fotos: Hanns Peter Bacherle

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