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    Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie

    Pressespiegel - Meldung

    Ipsi und andere Rätsel der Archäologie

    07/07/2012

    Bullenheimer Berg - Zu seinen Füßen beobachteten die Menschen den Himmel, auf seiner Hochfläche fertigten sie Bronzeschmuck. Eine archäologische Spurensuche.

    Von Redaktionsmitglied CHRISTINE JESKE

    Gebannt schaut eine Gruppe von Menschen zum östlichen Horizont. In wenigen Minuten wird ein neuer Tag anbrechen. Plötzlich beginnt der Himmel zu leuchten. Die Sonnenscheibe taucht langsam hinter dem Bullenheimer Berg auf. Er wird zur Kulisse eines besonderen Schauspiels, das sich nur an diesem Morgen im Jahr ereignet: Denn nur zur Sommersonnwende streifen die Strahlen für einen Moment blitzartig den Holzpfahl der rechten Torflanke.

    So könnte es vor rund 6900 Jahren gewesen sein. Das Tor steht schon lange nicht mehr. Es gehörte einst zu einer jungsteinzeitlichen Kreisgrabenanlage. Sie stand etwa drei Kilometer vom Bullenheimer Berg entfernt auf einer leicht erhöhten Ebene. Heute gehört die Ackerfläche oberhalb des schmalen Wasserlaufs der Iff zur mittelfränkischen Gemeinde Ippesheim (Landkreis Neustadt an der Aisch/Bad Windsheim). Der Standort der Kreisgrabenanlage war bewusst gewählt. Jahrelange Beobachtungen des Himmels waren nötig, bevor die Erbauer diesen einzig möglichen Ort bestimmen konnten.

    Die Anlage bestand aus einer Palisadenwand mit einem Umfang von 220 Metern, die von mehreren Toren unterbrochen wurde. Ein tiefer umlaufender Graben und ein aufgeschütteter Wall schützten den abgeschirmten Bezirk vor ungebetenen Gästen. Im Mittelpunkt des Kreises schnitten sich drei Linien beziehungsweise Blickachsen. Sie führten durch die Öffnungen der Holzwand hindurch zu exponierten Landmarken – wie dem Bullenheimer Berg.

    Die Tore markierten zusammen mit den topografischen Bezugspunkten die Sonnenstände an den astronomischen Kardinalterminen eines Jahres. Dazu zählt die Sommersonnenwende am 21. Juni. Ein anderes Tor im Südosten der Kreisgrabenanlage war auf dieWintersonnenwende am 21. Dezember ausgerichtet. Die Flanken einer weiteren Öffnung im Westen grenzten am 21. März und 21. September den Sonnenuntergang zur Tag- und Nachtgleiche ein.

    Rätselhaft bleibt allerdings „Ippsi“, so wird die ungefähr 30 Jahre alte Frau genannt, die kopfüber im Zentrum bestattet wurde, 150 bis 200 Jahre nach Errichtung der Kreisgrabenanlage. Ein Menschenopfer?

    Entdeckt wurde das neolithische Bauwerk 1980. Der Luftbildarchäologe Otto Braasch sichtete vom Flugzeug aus die Verfärbungen auf dem Acker. Professor Wolfram Schier leitete ab 1998 die Grabungen. Er hatte damals gerade den Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Würzburg übernommen. Heute lehrt er an der Freien Universität Berlin.

    Auch der Nachfolger Wolfram Schiers an der Uni Würzburg, Professor Frank Falkenstein, hat zusammen mit seiner Kollegin Professorin Heidi Peter-Röcher den Bullenheimer Berg im Blick – jedoch von einer anderen Warte aus. Für die Wissenschaftler ist nicht der Blick auf die Landmarke ausschlaggebend, sondern das Bodendenkmal selbst. Sie erforschen seit 2010 nach zwei Jahrzehnten Pause die etwa 30 Hektar große Hochfläche mit modernsten Methoden.

    Der dichte Wald verbarg über lange Zeit, dass sich auf dem Tafelberg eine Siedlung befand, die von einem Ringwall und teilweise von einem Graben umzogen war. Archäologische Funde belegen, dass bereits vor über 6000 Jahren auf dem Plateau Menschen lebten. Befestigt wurde die Höhensiedlung jedoch erst in der Bronzezeit ab 1600 vor Christus. Die wichtigste Phase der Höhensiedlung wird in die Spätbronzezeit beziehungsweise Urnenfelderkultur datiert: Vor rund 3000 Jahren entwickelte sich der Bullenheimer Berg zu einem Zentrum der Bronzeschmiedekunst. Um 800 vor Christus wird die Siedlung aufgegeben. Mit Unterbrechungen haben zwar bis ins frühe Mittelalter hinein Menschen auf dem Berg gelebt, er erlangte jedoch nie wieder die Bedeutung wie in der Bronzezeit.

    Erst 1973 wurde die Anlage als vor- und frühgeschichtliches Geländedenkmal erkannt. Diese Entdeckung weckte den Bullenheimer Berg teilweise recht unsanft aus seinem Dornröschenschlaf. Nicht nur Wissenschaftler zog es nun hinauf zur Anhöhe. Sondengänger suchten fortan den Berg heim und entrissen dem Boden zahlreiche Metallobjekte. So gingen laut Professor Falkenstein unwiederbringlich wichtige Informationen verloren. „Sammler zerstören durch die unsachgemäße Bergung ein Stück Kulturgeschichte.“ Die vielen Löcher der Raubgräber aus den 1980er und 90er Jahren lassen zudem darauf schließen, dass nur ein kleiner Teil der gefundenen Bronzeteile dem Landesamt für Denkmalpflege gemeldet wurde oder den Weg über den Kunsthandel in die Museen fand, anderes aber sich irgendwo in Privatbesitz befindet. Dennoch sind so viele Hortfunde bekannt geworden, dass der Bullenheimer Berg heute zu einer der wichtigsten archäologischen Stätten Süddeutschlands zählt.

    Die Menschen legten Ringschmuck, Beile, Sicheln, Messer, Nadeln, Kappen von Radachsen samt Splinten oder Zierscheiben ab, manchmal auch Schwerter. Die wertvollen Preziosen sollen im Auftrag einer auf dem Berg ansässigen Elite entstanden sein, die einen Teil davon „aufgrund bestimmter religiöser Vorstellungen und in wie auch immer gearteten Ritualen dem Boden anvertraut“ hätten, meint die Münchner Archäologin Monika Hagl.

    Dazu zählen auch Objekte aus Gold, die als Bestandteile des Ornats eines religiösen Würdenträgers interpretiert werden. Die Goldbuckel und Goldspangen werden immer wieder mit dem berühmten „Berliner Goldhut“ in Verbindung gebracht. Eine Nachbildung ist momentan im Knauf-Museum in Iphofen in der Ausstellung „Mythos Bullenheimer Berg“ zu sehen – nicht ohne Grund. Es gibt Vermutungen, dass er in der Höhensiedlung gefertigt wurde. Sein Fundort ist jedoch nicht dokumentiert. Er gehört also auch zu den traurigen Beispielen moderner Schatzgräberei.

    Für den Würzburger Forscher Frank Falkenstein stehen nicht die Hortfunde im Mittelpunkt. Seine Herangehensweise sei Feldforschung, sagt er. Nach seinen Erkenntnissen sei der Bullenheimer Berg „ohnehin seiner Metallfunde weitestgehend beraubt“, dafür sei das Plateau zu sehr in den vergangenen Jahrzehnten von Sondengängern geplündert worden. Falkenstein und seine Kollegin Heidi Peter-Röcher führten bislang in vier Kampagnen Oberflächenbegehungen und Ausgrabungen durch. Zukunftsweisend für die Erforschung des Bullenheimer Bergs und seiner Siedlungsgeschichte war das hochauflösende Airborne Laserscanning, mit dem ein digitales Abbild des Geländes erstellt wurde. Jedes Detail der Oberflächenstruktur, jede Vertiefung oder Erhebung ist nun erkennbar. Im Sommer gehen auf dem Bullenheimer Berg die archäologischen Ausgrabungen weiter, die inzwischen auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden.

    Auch Professor Wolfram Schier setzt seine Forschungen in Franken fort und kehrt dazu kurzzeitig nach Franken zurück. Ab August gräbt er erneut eine Kreisgrabenanlage aus – dieses Mal in Hopferstadt bei Ochsenfurt.

     

    MAIN-POST Wissen Samstag, 07. Juli 2012

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