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    MUS-IC-ON

    Kithara

    Rekonstruktion der großen griechischen Kithara (Ralf Gehler)

    Der Nachbau eines antiken Musikinstruments gestaltet sich schwierig, wenn nur bildliche Quellen überliefert sind. Einzelne Materialien, ihre Konstruktion, die reale Größe, die dreidimensionale Ebene und die Farbgebung ergeben sich nur aus Indizien. Doch auch die auf Indizien begründete These zum konstruktiven Aufbau eines nicht erhaltenen Musikinstruments kann den wissenschaftlichen Diskurs anregen. Der Nachbau ermöglicht dann eine Überprüfung der These und inwiefern sich die genutzten Materialien und Verbindungen als funktional erweisen. Niemals freilich kann ein Nachbau dieser Art das genaue Abbild des Originals sein, sondern bleibt eine Interpretation, die die Intentionen und den handwerklichen und wissenschaftlichen Hintergrund des Erbauers spiegelt.

    Bei dem heute gängigen Begriff „Griechische Kithara“ handelt es sich um eine flachbodige Jochleier, welche sich von der rundbodigen Kitharaform der Phorminx unterscheidet. Kernelement  des Instruments ist ein trapezförmiger Korpus. Einige Bilder zeigen auf der Korpusdecke der Kithara zwei links und rechts angebrachte kleine runde Punkte, vielleicht Schalllöcher. An den beiden oberen Ecken des Trapezes setzen die Jocharme an, welche aus jeweils einem oberen und einem unteren Konstruktionsteil bestehen. Ihre unteren Teile greifen in das Trapez ein und sind nach innen gebogen. Auf den Spitzen dieser hornförmigen Unterarme ‚balancieren‘ nach oben strebende viereckige Elemente. Gestützt werden diese Oberarme durch zwei Konstruktionen,  die sich innerhalb der Unterarme befinden, spiralförmige Ornamente, auf denen das Joch der Leier aufzuliegen scheint. Dieses dünn dargestellte Joch stützt die Jocharme gegeneinander ab. An ihm sind die sieben Saiten des Instruments aufgespannt.

    Münzdarstellungen der Rückseite zeigen eine dreieckige Grundfläche, die senkrecht durch eine Art Widerrist geteilt wird, was einen tiefer und stark gewölbten Rücken nahelegt. Wurde die Kithara nicht wie die Phorminx oder ihre Nachfolger im nördlichen Europa im frühen Mittelalter mit einem flachen Rücken versehen? Eine überzeugende Antwort auf diese Frage legen Vergleiche mit historischen und zeitgenössischen Saiteninstrumenten aus dem europäischen und afrikanischen Kulturraum nahe. So zeigen archaische und klassische bronzene Brustpanzer und Beinschienen solche zur Stabilität beitragenden Aufwölbungen. Noch eindrücklicher erscheint die Struktur bei Ledergegenständen, etwa bei zentralafrikanischen Schilden, wo die mittig angefügte Längsstange in derselben Weise aus dem Leder hervortritt, wie es der Widerrist bei der Kithara tut. Dieselbe Struktur in der Oberfläche zeigt sich auch an zentralafrikanischen Saiteninstrumenten, z.B. Leiern und Harfen, deren innere Holzkonstruktion von Haut überspannt wird.

    Die optisch zweigeteilten Jocharme der griechischen Kithara lassen sich durch eine ungewöhnliche Baukonstruktion begründen. Der untere, breite und hornförmige Teil des Jocharms greift in die oberen Ecken des Korpus ein. Der obere Teil des Jocharms scheint wiederum über die untere Konstruktion zu ‚schweben‘, sodass der Übergang zwischen beiden Teilen aus den Darstellungen nur schwer nachvollziehbar wird. Gerade im Hinblick auf die Komplexität dieser Konstruktion drängt sich einem der Gedanke an einen wichtigen funktionalen Hintergrund auf. Schließlich wäre es für den Hersteller weitaus einfacher gewesen, die oberen Jocharme nach unten zu verlängern und sie direkt in den Korpus einzubringen. Eine solche Bauweise dürfte ihm für die Phorminx durchaus bekannt gewesen sein. Wenn man versucht, ein im Querschnitt rundes Rinderhorn auf die Ecke eines solchen Korpus aufzusetzen, so gewährt ein solch spitzer Zuschnitt einen sicheren Halt der Konstruktion.

    Ralf Gehler


    Vgl. für eine detailliertere Darstellung den Beitrag von Ralf Gehler im Begleitband zur Ausstellung.