piwik-script

English Intern
    MUS-IC-ON

    Übermannshohe Leier

    Eine übermannshohe Leier aus Anatolien – Rekonstruktion von Ralf Gehler

    Das größte Saiteninstrument der bislang bekannten antiken Welt ist einzig von einer Abbildung bekannt, die gerade mal 8 x 11 cm misst. Im Original war es aber bis zu zwei Meter hoch und breit und wurde gleichzeitig von zwei Musikern gespielt, deren Köpfe es überragte.

    Abgebildet ist diese übermannshohe Kastenleier auf der so genannten İnandık-Vase, die nach ihrem Fundort in der modernen Türkei benannt ist und eine Höhe von 82 cm aufweist. Sie ist die bislang am besten erhaltene Reliefvase aus dem anatolischen Raum, eine Gefäßform, die im 2. Jahrtausend v. Chr. zur Zeit des hethitischen Reiches sehr verbreitet war und sicher kultische Funktion aufwies. Die berühmte Vase, die sich heute im Museum für anatolische Zivilisationen von Ankara befindet, ist gleichzeitig eines der wichtigsten Zeugnisse althethitischer Festritual-darstellungen. Auf vier Reliefbändern sind sowohl Vorbereitungen als auch die Durchführung verschiedener Kulthandlungen des Königspaares zu Ehren der Götter zu sehen. Das besonders interessante Detail im unteren Band zeigt zwei Musiker, die gleichzeitig von beiden Seiten die übermannshohe Kastenleier begleitend zu einer Trinkzeremonie spielen.

    Diese ungewöhnlich große Leier war aller Wahrscheinlichkeit nach eine eigenständige Gottheit. Die Tradition, Instrumente zu vergöttlichen und ihren Klang als göttlichen Ausspruch in religiösen Kulten zu Gehör zu bringen, stammt ursprünglich aus Babylonien im Süden Mesopotamiens. Übergroße Kastenleiern wurden im Kult als göttliche „Zwiesprecher“ eingesetzt, um die Herzen unruhiger Götter zu besänftigen (vgl. den Beitrag von Uri Gabbay in diesem Band). Die Verzierungen des Querjochs mit nach hinten gerichteten Enten- oder Pferdeköpfen deuten wiederum auf ägyptische Einflüsse hin. Alle diese Charakteristika machen die Leier zu einem bedeutenden Beispiel für den kulturellen Austausch zwischen Babylonien, Anatolien und Ägypten. Trotz der kleinen Abbildung auf der İnandık-Vase konnte der Nachbau für die Ausstellung „mus-ic-on!“ anhand von Analogien vom erfahrenen Instrumentenbauer Ralf Gehler bewerkstelligt werden, sodass man den Klang dieser Gottheit nach 4500 Jahren wieder zu Gehör bringen konnte.

    Marie Klein und Dahlia Shehata

    Rekonstruktion: Ralf Gehler.