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    Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie

    DFG-Forschungsprojekt "Konfliktvermeidung und Konfliktbeilegung in Gesellschaften ohne Zentralgewalt. Sozialtheoretische Modelle auf der Grundlage ethnographischer Evidenzen und ihre Relevanz für die Archäologie"

     

    Als selektiv überlieferte materielle Relikte sind die Daten der Prähistorischen Archäologie nicht ohne Weiteres aus sich selbst heraus verständlich. Eine Möglichkeit, bei ihrer sozialhistorischen Interpretation modernistische Projektionen zu vermeiden, besteht in der Konsultation ethnographischer Dokumentationen vorstaatlicher Gesellschaften, die in dem Projekt im Hinblick auf Konfliktvermeidung und Konfliktbewältigung systematisch ausgewertet werden sollen. In der Prähistorischen Archäologie vollzog sich in den vergangenen 20 Jahren eine Abkehr von zuvor dominierenden Vorstellungen einer weitgehend friedlichen Vergangenheit und eine Hinwendung zu der Untersuchung von Konflikt- und Gewaltphänomenen. Den Hintergrund dieses Perspektivenwechsels bilden nicht nur spektakuläre, von Gewaltereignissen zeugende Befunde wie die von Talheim oder aus dem Tollensetal, sondern auch neuere ethnologische Modelle, die ein hobbesianisches Bild permanenter Feindseligkeit für Gesellschaften ohne Zentralgewalt zeichnen. Ihnen zufolge stellten gewaltförmige Konflikte keine erklärungsbedürftigen Ausnahmen dar, sondern waren selbstverständlicher Bestandteil des Lebens der Individuen und Gruppen. Aus der auch quellenbedingten Konzentration der Forschung auf faktische Gewalthandlungen unter Vernachlässigung erfolgreich vermiedener oder in einer frühen Phase beendeter Konflikte resultieren einseitige, ins Bellizistische verzerrte Szenarien der Lebenswirklichkeit prähistorischer Gesellschaften. Das Ziel des Projektes besteht deshalb darin, realistische, sowohl sozialtheoretisch angeleitete als auch empirisch gesättigte Modelle des Umgangs von Gruppen ohne Zentralgewalt mit Gewaltkonflikten zu formulieren und diese dann zu den archäologischen Interpretationen, Narrativen und Diskursen in Beziehung zu setzen. Gefragt wird in einer kulturvergleichenden Perspektive danach, wie solche Gruppen den Ausbruch von Gewalt verhindern oder nach ihrem Ausbruch auf den unterschiedlichen Eskalationsstufen Konfliktlösungen herbeiführen können. Einen Schwerpunkt der Projektarbeit bilden die Effekte von Strukturen der Reziprozität, sowohl in ihrer positiven, friedliche Sozialbeziehungen stiftenden und aufrechterhaltenden Variante als auch im Sinne einer negativen, die Wechselseitigkeit schädigenden Verhaltens auf Dauer stellenden Reziprozität. Ein weiterer Fokus liegt auf den Bedeutungen, welche der materiellen Kultur bei Konfliktvermeidungen und -lösungen zukommt, das heißt der Frage, welche Funktionen der Erinnerung und Vergegenwärtigung Objekte für das soziale Gedächtnis von Gruppen übernehmen, die nicht über eine Schriftkultur verfügen, und wie die Praktiken beschaffen sind, in denen sie Verwendung finden. In methodischer Hinsicht verbindet das Projekt ein qualitatives, fallrekonstruktives Forschungsdesign mit einer großen Fallzahl, so dass sich über Einzelfallanalysen hinaus verallgemeinerungsfähige Aussagen über die sich zu theoretischen Modellen verdichten lassen.

     

    Avoidance and resolution of conflict in societies without central power. Socio-theoretical models based on ethnographic evidence and their relevance in Archaeology

    Due to the selective nature of archaeological data, material remains are not self-explanatory. In order to avoid the projection of contemporaneous societal elements, the evaluation of ethnographical records of pre-state societies is reasonable. The project investigates ethnographies with a focus on modes of prevention and resolution of violent conflicts. Since the Mid-Nineties, prehistoric archaeology has abandoned the concept of a “pacified past” and directed itself to the study of phenomena related to conflict and violence. This change of perspective was not only prompted by spectacular discoveries like those from Talheim or the Tollense Valley but also by recent ethnological theories postulating a Hobbesian condition of hostility in societies without central power. Violent conflicts are not seen as exceptions but as an integral component of prehistoric life. The concentration on effective violence whilst neglecting averted violence results in misleading violence-biased scenarios of prehistoric life reality. Therefore, the aim of the project is to develop theoretically informed and empirically based models of the handling of violent conflicts in groups without central power. Subsequently, these models are contrasted with archaeological interpretations, narratives, and discourses. Using a comparative approach it is evaluated how groups can prevent the outbreak of violence or, if emerging, to derive solutions at different escalation levels. One focus lies on the effects of reciprocal structures, both in their positive and negative forms. The former create and maintain a variant of peaceful social relations while the latter produces mutual destructive action. Another research question is the importance of material culture in conflict prevention and resolution. Which functions of memory and visualisation can objects represent in the social memory of illiterate cultural groups? What are the practices they are used in? From a methodological point of view, the project combines a qualitative, case reconstructive research design with a large number of cases. This allows generalised statements beyond individual case studies which can lead to new theoretical models.

     

    Ansprechpartner

    PD Dr. Matthias Jung
    Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie
    Institut für Altertumswissenschaften
    Julius-Maximilians-Universität Würzburg
    Residenzplatz 2
    97070 Würzburg
    matthias.jung@uni-wuerzburg.de
     

    Förderer

    Deutsche Forschungsgemeinschaft
     

    Literatur

    M. Jung, Tribale Kriege und archäologische Befundinterpretation. Kommentar zu Jürg Helbling, Kriege und Allianzen zwischen Dörfern. In: F. Sutterlüty/M. Jung/A. Reymann (Hrsg.), Narrative der Gewalt. Interdisziplinäre Analysen (Frankfurt am Main, New York 2019) 197‒205.

    M. Jung, Militärorganisation und Sozialorganisation. Interdependenz, Koevolution, archäologische Nachweisbarkeit. Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 56, 2015 (2018), 185–204.

    M. Jung, Friedliche Homöostase und konfliktreicher Fortschritt. Topoi und Narrative der Neolithikums- und Bronzezeitforschung. In: R. Krause/S. Hansen (Hrsg.), Bronzezeitliche Burgen zwischen Taunus und Karpaten. Prähistorische Konfliktforschung 2. Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 319 (Bonn 2018) 223‒242.