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    Philosophische Fakultät

    Was der Toraschrein verrät

    16.07.2018

    Wissenschaftlerinnen aus Ägypten haben die Universität Würzburg besucht. Hier erhielten sie Einblick in Museologie und Ägyptologie und bekamen Anregungen für publikumswirksame Ausstellungen in Ägypten.

    Sie ließen sich von Lisa-Maria Rösch (l.) durchs Museum für Franken führen (v.l.): Rania Aly Maher, Noha Shalaby und Souzan Ibrahim. (Foto: Uni Würzburg)

    Jede Menge „Input“ in Sachen Museumskunde: Das bekamen vier Forscherinnen von der Helwan University in Kairo, die sich Anfang Juli 2018 für drei Wochen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) aufhielten. Dr. Rania Aly Maher, Dr. Noha Shalaby, Dr. Mary Missak Kupelian und Souzan Ibrahim lernten dabei etliche Museen, aber auch die ägyptische Sammlungen des Martin-von-Wagner-Museums kennen, und erfuhren, wie innovativ in Würzburg Museumsarbeit gelehrt wird. „So weit sind wir in Ägypten noch nicht“, erklärt Noha Shalaby, die sich in Kairo um die Ausbildung angehender Museologen kümmert. Besonders beeindruckt war sie davon, dass Studierende öffentlich im Museum Ideen zur Objektvermittlung präsentieren.

    Enge Kooperation zwischen Würzburg und Kairo

    Museologie, so Noha Shalaby, ist im gesamten Nahen Osten ein Fachgebiet, das erst in jüngster Zeit neu beackert wird. 2014 begann die ägyptische Helwan University als Pionier, einen Master-Studiengang Museologie einzurichten. Seit 2017 können Museologen mit Master-Abschluss in Kairo promovieren. 2015 starteten Würzburgs Ägyptologen und Museologen eine Kooperation mit der Helwan University. Junge Leute aus Würzburg gehen seitdem als Austauschstudierende für ein Semester nach Kairo, umgekehrt lernen ägyptische Master-Studierende ein Semester lang das Studium in Würzburg kennen.

    Sowohl in Würzburg als auch in Kairo kann ein Masterabschluss gemacht werden. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) förderte das inzwischen gut etablierte Projekt unter dem Titel „Kulturgut bewahren, Bewusstsein bilden, Breitenwirkung entfalten“. Zu Jahresbeginn startete eine zweite Projektrunde. „Heritage Dialogues“ („Dialoge über das Erbe“) nennt sich die neue Würzburger Initiative, die wiederum der DAAD finanziert.

    Mehr Atmosphäre im Museum

    „Wir haben in Ägypten 160 Museen“, schildert Souzan Ibrahim, die soeben ihren Masterabschluss mit hiesiger Betreuung in Kairo gemacht hat und in Würzburg promovieren möchte. Gerade die älteren Museen vermittelten die Kunst- und Kulturobjekte allerdings noch auf sehr traditionelle Weise. Dabei gibt es heute, nicht zuletzt aufgrund neuer technischer Möglichkeiten, sehr pfiffige Vermittlungsmethoden, die über die reine Information hinausgehen, da sie emotional berühren und alle Sinne ansprechen.

    Solche Ideen präsentierten 15 Studierende der Studiengänge Museumswissenschaft und Museum Studies am 10. Juli vor Experten und Publikum im Museum für Franken. Gruppenweise beschäftigten sie sich mit verschiedenen Ausstellungsstücken aus dem Festungsmuseum und machten Vorschläge, wie die Objekte ansprechender präsentiert werden könnten. Unter anderem nahmen sie einen Toraschrein unter die Lupe. Hier schlugen sie vor, den Besuchern nicht nur zu erläutern, was es mit diesem Schrein auf sich hat. Über eine Audiostation könnten auch hebräische Gesänge eingespielt werden. Wodurch sofort eine starke atmosphärische Wirkung erzielt würde.

    Besichtigungstour in Berlin

    Solche Ideen nahmen die Wissenschaftlerinnen aus Ägypten mit ins Gepäck, als sie am Donnerstag nach Kairo abreisten. Unvergesslich bleibe für sie außerdem ein fünftägiger Aufenthalt in Berlin und Halle, bei dem sie etliche Museen kennen lernten. Highlight dieser Exkursion war für Souzan Ibrahim der Besuch der Ausstellung „Villa Global – The next Generation“ des Berliner Jugend Museums. Die Ausstellungsmacher interessierte die Frage, wie Berlinerinnen und Berliner mit ganz unterschiedlichem Hintergrund einen persönlichen Raum gestalten würden. „Es wird also nichts Historisches, sondern ausschließlich Alltagskultur gezeigt“, so die 26-jährige Museumswissenschaftlerin.

    Das verspielt eingerichtete Zimmer der 19 Jahre alten Laura, die aus Polen stammt, hat eine völlig andere Wirkung als der nüchterne Raum von Grafik-Designer Cem, dem es in Berlin so gut gefällt, weil er hier als schwuler Mann nirgends aneckt. Im Zimmer der muslimischen Laila schwebt ein Engel an der Decke. Bei Essfandiar sitzen die Gäste auf niedrigen Stühlen, die nur wenige Zentimeter hohe Beine haben. „Etwas Ähnliches wurde noch in keinem ägyptischen Museum realisiert“, konstatierte Ibrahim.

    Austausch in beide Richtungen

    Nachdem es sich um einen Hochschuldialog handelt, lernen nicht nur die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ägypten von ihren Kollegen aus Würzburg. „Auch wir lernen viel“, sagt Masterstudentin Lisa-Maria Rösch, die das DAAD-Programm „Heritage Dialogues“ koordiniert. Als sie in Ägypten war, fand sie es besonders interessant und lehrreich, von jungen Ägyptern zu erfahren, wie sie über die Kolonialzeit denken. Und darüber, dass wertvollste ägyptische Kulturobjekte nicht in Ägypten, sondern in Deutschland zu sehen sind. Zum Beispiel die Büste der Nofrete, die heute als Publikumsmagnet der Berliner Museen gilt.

    Entdeckt wurde die Büste von einem deutschen Archäologen: 1912 grub Ludwig Borchardt den Schatz im ägyptischen Amarna aus. Hier, dem einstigen Sitz von König Echnaton, wurden insgesamt mehr als 10.000 Fundstücke geborgen. Weil die Grabungen von der Deutschen Orient-Gesellschaft finanziert wurden, erhielten die deutschen Wissenschaftler am Ende bei der damals üblichen Fundteilung unter anderem die Nofretete. „Das bemängeln einige junge Ägypter, sie finden, dass die Nofretete in ihr Land gehört“, sagt Rösch. Wieder andere sehen die Sache als weniger kritisch an. Sie meinen: In Berlin wird wenigstens sehr gut auf die Büste aufgepasst.

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