Platon
Aufbewahrungsort: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Lehrstuhl für Klassische Archäologie, Zimmer 1.18
Herkunft: Leihgabe des Martin von Wagner Museums (seit 2022)
Maße: H Büste 37,5 cm, H gesamt 46 cm, B 25,7 cm
Bei dem Abguss handelt es sich um eine maßgetreue Reproduktion einer Porträtbüste aus griechischem Marmor (Kekule von Stradonitz 1908, 26). Sie wurde 1576 mit weiteren Büsten bei den Diokletiansthermen in Rom entdeckt, gelangte dann in die Sammlung Farnese (Riebesell 1988, 377) und befindet sich heute im Museo Archeologico Nazionale di Napoli (Arachne-ID 1073424). Weitere Abgüsse befinden sich im Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke in München (Arachne-ID 6120777) und in der Abgusssammlung des Antikenmuseums der Universität Leipzig (Arachne-ID 1220410).
Der Erhaltungszustand des Originals lässt sich an der aus Gussmarmor gefertigten Kopie bestens nachvollziehen. Die Oberfläche zeigt leichte Abreibungen sowie Bestoßungen vor allem am rechten Oberlippenbart und an der rechten Wange und Augenbraue. Außerdem lassen sich moderne Ergänzungen am Rand des linken Ohres und der Nasenspitze erkennen (Schefold 1997, 126).
Das Bildnis zeigt einen älteren Mann mit individuellen Zügen: Der Kopf wirkt breit und rund mit einer sich zur Schädeldecke hin zuspitzenden Stirn. Er sitzt gedrungen auf einem kaum sichtbaren kurzen Hals, der von einem langen Vollbart vollständig verdeckt ist. Auffällig ist die Stirnglatze, die mit ein paar wenigen, plastisch minimal herausgearbeiteten Strähnen vermeintlich zu kaschieren versucht wird. Das lange Haar ist jeweils von den Schläfen ausgehend über die Ohren gelegt und verläuft kranzartig um den Kopf. Am Hinterkopf fallen die holzschnittartig gearbeiteten und grob gegliederten Strähnen in zwei Lagen. Während die obere den Ansatz der unteren bedeckt, endet die untere Lage im Nacken, wo sich deren Spitzen zu Locken einrollen. In der Mitte des flachen Gesichts sitzt eine breite, stumpfe Nase mit aufgeblähten Nüstern, die von der Stirn durch eine markante Zäsur scharf abgesetzt ist. Eng an der Nase anliegend, sitzen die kleinen Augen mit den scharfkantig geformten Lidern. Diese werden von Augenringen, Lachfalten und einem wulstig auslaufenden Oberlid gerahmt. Die Augenbrauen sind durch eine schwungvolle Hebung angedeutet. Die betonten Wangen gehen fast nahtlos in den spitz zulaufenden Bart über. Letzterer ist in lange, flammenartige Strähnen gegliedert, die plastisch herausgearbeitet und durch leichte Hebungen und Senkungen weiter strukturiert sind. Die trotz der Gesichtsfülle eingefallenen Wangen, die drei horizontalen Stirnfalten und die tiefen Nasolabialfalten weisen auf ein fortgeschrittenes Alter hin.
Die Benennung des Porträts als Sokrates kann mithilfe von Inschriften auf weiteren Hermen gesichert werden. Ein gutes Beispiel bietet eine Porträtherme, ebenfalls aus der ehemaligen Sammlung Farnese, im Museo Archeologico Nazionale di Napoli (Arachne-ID 1073423). Der Vergleich unseres Kopfes mit dem Hermenbildnis lässt gut erkennen, dass die Kopien auf unterschiedliche Originale zurückzuführen sind. Die auffällige Ähnlichkeit lässt es aber dennoch zu, auf ein und dieselbe Person zu schließen (Giuliani 1996, 22). Trotzdem sind deutliche Unterschiede zu erkennen: Die bei unserem Stück (Typus A) frei sitzenden Ohren werden bei der Porträtherme (Typus B) durch füllige Locken bedeckt, außerdem weist letzterer Asymmetrien an Mund -und Augenpartien auf (Lang 2012, 60). Der Würzburger Abguss überliefert die ältere Porträtfassung des Sokrates (Scheibler 1989, 37). Das griechische Original dieses Typs kann aufgrund der Bartgestaltung auf die Zeit um 380/370 v. Chr. datiert werden (Catoni 2021, 163). Die Einordnung der römischen Kopie ist schwieriger, eine stilistische Analyse weist in die Mitte 1. Jh. n. Chr.
Das Bildnis des Sokrates widerspricht nicht nur aufgrund der Altersmerkmale der normativen Idealvorstellung. Das flache und breite Gesicht, die Stirnglatze, die langen über die Ohren gelegten Haare, die platte, recht knubbelige Sattelnase und die hohen, geschwungenen Augenbrauen erinnern an die Ikonographie eines Silens (Scheibler, 1989, 35), wie sie beispielsweise schon in der frühen Vasenmalerei zu finden ist. Einen ausführlichen Vergleich von Sokrates mit einem Silen führt schon Kritobulos in Xenophons ‚Gastmahl‘ auf (Giuliani 1996, 24). Mit diesem Vergleich wird Sokrates an ein mythisches Wesen angeglichen, das im antiken Griechenland ambivalent charakterisiert ist. Einerseits wird er mit den hässlichen Gesichtszügen eines Silens, mit schlechten Anlagen und Begierden, gezeichnet, andererseits spiegelt er die Züge des alten ‚Papposilenos‘ wider, der als Träger uralter Weisheit und Güte gilt und in Mythen auch als Erzieher von Götter- und Heroenkindern fungierte (Zanker 1995, 44). Mit diesen Bildchiffren verstößt die Darstellung gegen die ästhetisch-ethische Norm der ‚kalokagathia‘ der klassischen Zeit. Genau wie Sokrates in seinen öffentlichen Dialogen, schalkhaft und gleichzeitig weise wie ein Silen, grundlegende Tugenden hinterfragte, so stellt ein solches Bildnis die fundamentalen Werte der klassischen Polisgesellschaft in Frage (Zanker 1995,45). Auch wenn ihn seine Lehren sein Leben kosteten, prägte der „Verderber der Jugend“ (Platon, Apologie des Sokrates 24 b-c) das Philosophenportrait und die Philosophiegeschichte bis heute maßgeblich. Die positive Rezeption des Sokrates verdeutlicht sich auch in den zahlreichen römischen Kopien in unterschiedlichsten Medien (Schefold 1997, 126). Der Würzburger Abguss zeigt also nicht, wie Sokrates aussah, sondern den Effekt und die Relevanz seiner Person, die nicht durch Zufall die Maske eines Silens trägt.
[Elea Römer]
Literatur
- R. Kekule v. Stradonitz, Die Bildnisse des Sokrates (Berlin 1908) 26.
- R. von den Hoff, Philosophenporträts des Früh- und Hochhellenismus (München 1994).
- P. Zanker, Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst (München 1995) 38–45.
- C. Riebesell, Die Antikensammlung Farnese zur Carracci-Zeit. Les Carrache et les décors profanes, CEFR (Rom 1988) 373–417.
- K. Schefold, Die Bildnisse der antiken Dichter, Redner und Denker (Basel 1997) 34–39. 126.
- K. Schefold, Die Bildnisse der antiken Dichter, Redner und Denker (Basel 1943) 68.
- I. Scheibler, Sokrates in der griechischen Bildkunst. Sonderausstellung der Glyptothek und des Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke (München 1989) 34–39.
- I. Scheibler, Zum ältesten Bildnis des Sokrates, MüJb 40, 1989, 7–33.
- C. Trabitzsch, Sokrates und Chrysipp – Wer ist hier hässlich?, in: C. Nowak – L. Winkler-Horacek (Hrsg.), Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Realismen in der griechischen Plastik (Rahden/Westf. 2018) 101–110.
- M. Catoni – L. Giuliani, Der verurteilte Philosoph, die Satyrn und das Hässliche. Das frühe Sokrates-Porträt im Kontext, JdI 136, 2021, 156–202.
- L. Giuliani, Das älteste Sokrates-Bildnis. Ein physiognomisches Porträt wider die Physiognomiker, in: C. Schmölders (Hrsg.), Der exzentrische Blick. Gespräch über Physiognomik (Berlin 1996) 19–42.
- J. Lang, Mit Wissen geschmückt? Zur bildlichen Rezeption griechischer Dichter und Denker in der römischen Lebenswelt (Wiesbaden 2012) 59–64.
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