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Lehrstuhl für klassische Archäologie

Claudius

Aufbewahrungsort: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Lehrstuhl für Klassische Archäologie, Zimmer 1.18

Herkunft: Erwerb 2023 (Form und Abbild / H. Effenberger)
 
Maße: H gesamt ca. 45 cm; H Kopf ca. 33,8 cm

 

Der Gipsabguss ist eine maßgetreue Kopie des überlebensgroßen Kopfes unbekannter Herkunft aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig.

Am Original heben sich die späteren Ergänzungen an der Nasenspitze und eines kleinen Teils des Hinterkopfes farbig deutlich ab; dieser Unterschied ist aber beim Abguss nicht mehr zu erkennen. Ebenfalls so gut wie nicht zu sehen ist ein Riss, welcher sich von der rechten Seite des Nackens aus hinter dem rechten Ohr entlang auf den Scheitel zieht und von dort vor dem linken Ohr hinab bis zum Hals führt. Die Ohrmuscheln, insbesondere die rechte, sind stark bestoßen. An der Gipskopie treten die nicht abgearbeiteten Gussnähte hervor, welche deutlich zeigen, dass der Kopf aus mehreren Teilformen zusammengesetzt wurde. Zudem scheint der Abguss in seinen Details insgesamt etwas verschwommener als das Original zu sein, was auf abgenutzte Gussformen hindeuten könnte.

Der Kopf des Claudius ist leicht überlebensgroß und gehörte wohl zu einer Statue, die etwa 2,70 m groß gewesen sein dürfte. Der Kaiser wird hier mit individueller Physiognomie als älterer Mann präsentiert: Das Gesicht läuft nach unten hin schmal zu, die hohe, breite Stirn steht im Kontrast zum fliehenden Kinn, welches fast ohne Übergang in den Hals mündet. Die kräftige Nase springt weit vor, die Augen sitzen recht tief in den Höhlen; die fleischigen Ohren stehen weit ab. Die Haut an den Wangen wirkt schlaff und eingefallen. Im Gegensatz zu diesen veristischen Gesichtszügen steht die aufwendige Lockenfrisur mit einer Mischung aus Gabeln und Zangen über der Stirn: An der linken Schläfe beginnt sie mit einer Gabelung, darauf folgen über dem linken Auge nebeneinander eine Zange und eine Gabel, über dem rechten Auge eine Zange und an der rechten Schläfe eine dritte Gabelung. Die restliche Frisur ist jedoch nur spärlich ausgearbeitet und liegt recht platt auf dem Hinterkopf.

Mithilfe der Alterszüge und der Frisur kann das Porträt dem zweiten Typus des Claudius zugeordnet werden, welcher die größte Gruppe innerhalb der Claudiusbildnisse ausmacht (Fittschen 1973, 37 f.). Während der Kaiser beim ersten Typus noch mit jugendlich-idealisierten Zügen nach den augusteischen Vorbildern gezeigt wird, ist nun ein reifer Mann mit bewegten Gesichtszügen zu sehen. Dieter Salzmann (Beobachtungen zur Münzprägung und Ikonographie des Claudius, AA 1976, 252–264, bes. 263) verband diesen Typus mit Münzbildnissen um das Jahr 50. Er schlug als Anlass für den neuen Bildnistypus etwa die Säkularspiele des Jahres 47 oder Claudius’ Heirat mit Agrippina im Jahr 49 n. Chr. vor.

Mögliche Gründe für die Abkehr vom jugendlich-idealisierten Erscheinungsbild mögen das tatsächliche Alter des über 50-jährigen Claudius (so Fittschen 1977, 55) oder die bewusste Distanzierung von der Ikonographie seiner Vorgänger, insbesondere des ermordeten Caligula, gewesen sein. Die angespannten Züge, die Augenringe und die leicht gerunzelten Brauen erinnern dabei eher an die besorgten und konzentrierten Gesichtsausdrücke republikanischer Porträts. Allerdings sind bei dem Porträt aus Braunschweig einige Merkwürdigkeiten zu beobachten: Der Kopf geht seltsam verschwommen und unscharf in den Hals über, die Form des Gesichtes ist insgesamt fülliger und weniger dreieckig als bei anderen Claudiusporträts. An den Ohren wirkt der Übergang zum Kopf unorganisch und nur grob ausgearbeitet, der Nasenrücken ist dagegen erstaunlich breit. Diese Phänomene, welche im Gegensatz zu anderen Bildnissen des Kaisers stehen, ließen sich mit einer Umarbeitung des Porträts aus einem Vorgängerkopf erklären. Dies kommt bei Claudiusporträts häufiger vor: Insbesondere bei den frühen Köpfen des ersten Typus (Goette 1986, 727 Anm. 48) wird häufig eine Umarbeitung aus Caligulaporträts vermutet (siehe auch H. Jucker, Iulisch-claudische Kaiser- und Prinzenporträts als ‚Palimpseste‘, JdI 96, 1981, 236–316).

Nach seiner Ermordung war Caligula beim Senat in Ungnade gefallen (Suet. Cal. 60), sodass man seine Bildnisse offenbar nicht mehr länger benötigte. Diese dürften, so eine verbreitete Meinung, in vielen Fällen für Porträts des Nachfolgers wiederverwendet worden sein. Bei solchen Umarbeitungen werden die neuen Gesichtszüge in das ursprüngliche Porträt eingetieft, wodurch die konturlosen Formen besonders an den Wangen und dem Hals erklärt werden könnten. Falls die Locken aus der alten Frisur herausgearbeitet wurden, könnte dies auch die plastische Verdeutlichung des Lockenschemas durch Unterschneidungen begründen. Am Nacken und hinter dem linken Ohr scheint die Haut teilweise nicht geglättet worden zu sein, vielleicht nachdem ein höhere Frisur abgearbeitet und in einer scharfen Kante stehengelassen wurde. Die hohe Stirn ist möglicherweise ebenfalls auf das mutmaßliche Caligulaporträt zurückzuführen, da diese bei vielen anderen Claudiusköpfen nicht erscheint (Goette 1985, 16).

[Johannes Lukas Kern]

Literatur

  • J. J. Bernoulli, Römische Ikonographie II. Die Bildnisse der römischen Kaiser und ihrer Angehörigen 1. Das Julisch-Claudische Kaiserhaus (Berlin 1886) 340 Nr. 32. 346 Taf. 18.
  • K. Fittschen, Die Geschichte Pompejis, in: A. Bongers (Hrsg.), Pompeji. Leben und Kunst in den Vesuvstädten, Ausstellungskatalog Villa Hügel, Essen (Recklinghausen 1973) 17–46, besonders 37 f. Nr. 13 mit Abb.
  • K. Fittschen, Katalog der antiken Skulpturen in Schloß Erbach, AF 3 (Berlin 1977) 55 Nr. 17 Replik 2.
  • H. R. Goette, Kunst der Antike. Herzog Anton Ulrich-Museum, Bilderhefte des Herzog Anton Ulrich-Museums 7 (Braunschweig 1985) 15 f. Nr. 21.
  • H. R. Goette, Antike Skulpturen im Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, AA 1986, 711–744, besonders 724–726 Nr. 9 Abb. 11.
  • C. Maderna, Die Bildhauerkunst während der Regierungszeit des Claudius (41–54 n. Chr.), in: P. C. Bol (Hrsg.), Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst IV. Plastik der römischen Kaiserzeit bis zum Tode Kaiser Hadrians. Text (Mainz 2010) 69–100, besonders 79 f. 85. 308 Abb. 101 a–b.
  • M. Stuart, The Portraiture of Claudius. Preliminary Studies (New York 1938) 74 Nr. 24.

 

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