Intern
Lehrstuhl für klassische Archäologie

Sokrates

Aufbewahrungsort: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Lehrstuhl für Klassische Archäologie, Zimmer 1.18

Herkunft: Leihgabe des Martin von Wagner Museums (seit 2022)

Maße: H Kopf ca. 36cm, H gesamt ca. 44,5cm (mit Sockel)

Bei dem leicht überlebensgroßen Marmorkopf in Würzburg handelt es sich um die Reproduktion eines Porträts in der Münchener Glyptothek (Arachne­­­–ID 1101589). Diese erwarb den angeblich aus Athen stammenden Kopf im Jahr 1987 aus der Sammlung Robert Boehringer in Genf. Er zeigt den griechischen Philosophen Platon (428/27-348/47 v. Chr.) als einen älteren bärtigen Mann mit ausgeprägten Falten.

Die römische Kopie ist vermutlich aus pentelischem Marmor gefertigt und wurde nicht modern ergänzt (Vierneisel 1987, 14; Boehringer 1935, 28). Die Würzburger Reproduktion ist aus Kunstmarmor gegossen. An ihr lässt sich der Erhaltungszustand gut erkennen. Die Kopie bildet den verwitterten Zustand ab, der vor allem in den Haarpartien ausgeprägt ist. Auffällig sind ferner zahlreiche Bestoßungen der linken Gesichtshälfte, die sich von der Nasolabialfalte über die Wange erstrecken, sowie (etwas feiner) an der Stirn oberhalb der Augenhöhle auftreten.  Die Nase ist im unteren Bereich stark beschädigt. Ihre Form lässt sich aber mit Hilfe der übriggebliebenen Nasenflügel nachvollziehen. Eine Bruchfläche reicht schräg von den Haaren im Nacken zur Bartspitze, wodurch der Halsansatz im Profil erscheint. Dieser besitzt an der Unterseite Bearbeitungsspuren mit dem Zahneisen und vereinzelte glatte Bruchkanten.

Das Bildnis weist eine ovale Kopfform auf, die durch den Bart gestreckt wird. Auch die tiefen Nasolabialfalten verstärken diesen Eindruck. Ausgeprägt ist die hohe und breite Stirn, die von den Haaren gerahmt wird, charakteristisch sind die kleinen und eng stehenden Augen. Da der Hals fehlt, kann keine sichere Aussage über eine mögliche Kopfwendung gemacht werden. Unter Einbeziehung weiterer Kopien, die alle keinen Schulteransatz haben, kann keine Neigung des Originals belegt werden (Vierneisel 1987, 16). Das Inkarnat ist durch einzelne Vertiefungen strukturiert. Dazu zählen vor allem die tiefen Nasolabialfalten, die zusätzlich durch die Haarstränge des Oberlippenbarts an Tiefe gewinnen. Die senkrechten Falten, die von der Nasenwurzel in zwei waagerechte, tiefe Linien auf der Stirn überleiten, verleihen dem Gesicht einen konzentrierten Ausdruck. Dieser Eindruck wiederholt sich in der Augenpartie: Die mandelförmigen Augen liegen tief in den Höhlen, wodurch dieser Bereich verschattet wird. Durch eine Kontraktion der Nasenwurzel entsteht eine Anspannung, die sich in einem Punkt zwischen den Augen konzentriert. Die vermehrte Faltenbildung ist ein Altersmerkmal, das im Gegensatz zu dem vollen Haupthaar steht. Dieses ist klar von der Stirn und vom Nacken abgesetzt. Über der Stirn sind die einzelnen Haare in einem leichten Schwung parallel angeordnet. Auch sonst finden sich verschiedene Muster, in denen die Haare gruppiert sind. Darunter gibt es Reihen mit kleinen Wellen, aber auch größere Haarstränge, die sich geschwungen zwischen diese legen. Davon weicht die Gestaltung des Bartes ab: Die Haare sind hier in Strängen, die plastisch herausgearbeitet sind, angelegt und fallen in leichten Wellen. Der Übergang zwischen Haar und Haut ist weich, wobei die Haare scheinbar aus dem Inkarnat fließen.

All diese charakteristischen Züge finden sich auch in weiteren Porträts des Platon. Es existieren rund 20 kaiserzeitliche Kopfrepliken (Vierneisel 1987, 15). Darunter befindet sich auch eine Herme in der Berliner Antikensammlung (Arachne–ID 1121016), durch deren Inschrift (ΠΛΑΤΩΝ) die Benennung des Kopftypus gesichert ist (Vierneisel 1987, 15). Zu dieser Benennung passen der Gesichtsausdruck mit den nachdenklich angestrengten Zügen eines Philosophen sowie die Altersmerkmale, die ausgeprägten Falten und das eingefallene Inkarnat. Die erwähnten Repliken gehen auf ein gemeinsames Vorbild, wohl eine von Diogenes Laertios erwähnte Bronzestatue des Platon, zurück, die in der Akademie von Athen aufgestellt war (Zanker 1995, 72).

Der Philosophenbiograph Diogenes Laertios überliefert als einziger die Inschrift, die sich auf dem Original befunden habe (Diog. Laert., Leben und Meinungen berühmter Philosophen 3, 25 f.). Daraus geht hervor, dass die Bronzestatue des Platon, die von dem Bildhauer Silanion geschaffen wurde, ein Weihgeschenk des persischen Stifters Mithradates, eines Bewunderers und Schülers des Philosophen, an die Musen gewesen sei. Durch eine postume Aufstellung in der Akademie ergibt sich eine Datierung um 350/340 v. Chr. (Fendt 2017, 59). Das griechische Bronzebildnis ist verloren, aber in mehreren römischen Kopien überliefert. Die Münchner Kopie wird überwiegend in das frühe 1. Jh. n. Chr. datiert (Fendt 2017, 59; Schefold 1997, 134; Boehringer 1935, 29), aber auch schon als frühtrajanisches Werk angesehen (Bloesche 1943, 82).

[Amelie Lauer]

Literatur

  • H. Bloesche, Antike Kunst in der Schweiz. Fünfzig Meisterwerke aus dem klassischen Altertum in öffentlichem und privatem Besitz (Erlenbach – Zürich 1943) 80–83 Kat. 45.
  • R. Boehringer, Platon. Bildnisse und Nachweise (Breslau 1935) 28 f. Taf. 78–92.
  • A. Fendt, Philosophenbildnisse des 4. Jahrhunderts v. Chr., in: Knauß – C. Gliwitzky (Hrsg.), Charakterköpfe. Griechen und Römer im Porträt (München 2017) 55–60. 343 Abb. 2.28 Kat. 6.
  • G. Richter, The portraits of the Greeks 2. The fourth and third centuries, the third and second centuries (London 1965) 167 Abb. 942–944.
  • K. Schefold – A. C. Bayard, Die Bildnisse der antiken Dichter, Redner und Denker (Basel 1997) 134–137.
  • K. Vierneisel, Ein Platon-Bildnis für die Glyptothek. Ansprache aus Anlass der Übergabe des Platon-Bildnisses an die Glyptothek am 29. September 1987 (München 1987) 11–26.
  • C. Vorster, Das Platonbildnis des Silanion und andere Denkerbildnisse, in: P. C. Bol (Hrsg.), Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst II (Mainz 2004) 399–403 Abb. 370–372.
  • P. Zanker, Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst (München 1995) 70–79. Abb. 24. 38.

 

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