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    Zu den Wurzeln der Moderne: Renaissance, Frühindustrialisierung, globaler Handel und habsburgische Herrschaft in Flandern

    Teilnehmer der Flandern-Exkursion (Photo: Stefan W. Römmelt).

    Exkursion des Kollegs ‚Mittelalter und Frühe Neuzeit‘ nach Mechelen, Brugge und Gent, 9.–11.10.2017

    Auf eine Spurensuche zu den Wurzeln der Moderne hatten sich vom 9. bis 11. Oktober 2017 38 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Studienreise nach Belgien gemacht: Die von den Professoren Dr. Dorothea Klein, Dr. Eckhard Leuschner und dem Privatdozenten Dr. Frank Kleinhagenbrock geleitete Exkursion führte die Studierenden, Dozenten und Absolventen der Julius-Maximilians-Universität nach Flandern. Das von Spannungen zwischen Flandern und der Wallonie geprägte Land hat mehr zu bieten als Schokolade, Bier und Pommes Frittes – eine der vielen Erkenntnisse der Studienfahrt.

    Auf dem Programm standen die (kunst)historisch bedeutsamen Städte Mechelen, Brügge und Gent. Die historische Einordnung der Exkursion hatte Frank Kleinhagenbrock übernommen, der die territoriale Entwicklung Flanderns in Spätmittelalter und Früher Neuzeit vorstellte. Kunsthistorische Aspekte der an bildender Kunst reichen Region führte Eckhard Leuschner vor Augen, und religiöse Aspekte erläuterte Professor Dr. Dominik Burkard.

    Den ersten Höhepunkt der Kunst Flanderns bildet in der Mitte des 15. Jahrhunderts das Schaffen der Brüder van Eyck. Deren Werke wie die Madonna des Kanonikus van der Paele im Groeningemuseum zu Brügge und den Genter Altar in der Sint-Baafs-Kathedraal stellte Eckhard Leuschner im steten Dialog mit den Studierenden vor und öffnete auch den kunsthistorisch weniger versierten Teilnehmern die Augen für die detailreiche Schönheit der flandrischen Künstler des 15. Jahrhunderts. 

    Nach dem Untergang des Herzogtums Burgund gelangten große Teile des von der Nordsee bis zu den Alpen reichenden Territoriums an die Habsburger. Im 15. Jahrhundert spielte Brügge als Umschlagplatz für Tuche im europäischen Fernhandel eine zentrale Rolle, dessen Kanäle den Transport der Waren wesentlich erleichterten. Typisch für die reiche Handelsstadt waren auch die zahlreichen Niederlassungen italienischer Händler, die unter anderem für den Kulturtransfer zwischen Flandern und Italien sorgten. So erwähnte bereits Dante Alighieri Brügge in seiner ‚Divina Commedia‘. Der Prozess der Individualisierung begann in Flandern relativ früh: Für das Flandern des Spätmittelalters war das Beginenwesen charakteristisch, eine religiöse Laienbewegung, die Dominik Burkard in einem typischen Brügger Beginenhof vor Ort erläuterte. Frauen konnten so weitgehend selbstbestimmt in einer Gemeinschaft leben, bis die meisten der Beginengemeinschaften Frauenorden eingegliedert wurden. Dies brachte das Ende der beschränkten Selbstbestimmung mit sich.  

    Für die Identität Mechelens hingegen sollte die Regentschaft Margarethe von Österreichs besondere Bedeutung gewinnen: An die als vorbildlich empfundene Herrschaft der kunstsinnigen Regentin im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts erinnert ein monumentales Denkmal des 19. Jahrhunderts auf dem Hauptplatz. Aus der Zeit Margarethes stammen auch bescheiden anmutende Teile des Stadtpalasts der Habsburgerin, deren Nachfolger nicht mehr in Mechelen residierten, sondern die Spanischen Niederlande von Brüssel aus regierten.

    Dass Religion konfliktträchtig sein kann, machte sich in der uneinheitlich anmutenden Ausstattungen der flandrischen Kirchen bemerkbar: Da sich ein Großteil Flanderns der Reformation calvinistischer Prägung angeschlossen hatte, fielen die meisten religiösen Werke der spätgotischen Kunst dem systematisch durchgeführten Bildersturm in der Mitte des 16. Jahrhunderts zum Opfer.

    Dies bot allerdings Künstlern wie Pieter Pourbus, dessen Werk die Exkursionsteilnehmer in Brügge und Gent kennen lernen konnten, die Möglichkeit, die leeren Kathedralen mit eigenen Schöpfungen zu füllen. Der Stolz der Künstler zeigt sich in den Selbstporträts – während Jan von Eyck sich noch indirekt ins Bild brachte, blickt Pieter Pourbus den Betrachter stolz aus einem Altargemälde der Kathedrale von Gent an. Dass Pourbus sich auf Augenhöhe mit König Philipp II. von Spanien bewegt, mag man als Beleg für das Selbstbewusstsein des Malers interpretieren. Der Triumph des Katholizismus machte sich so auch in den Kirchen unmittelbar bemerkbar.

    Besonderen Eindruck hinterließen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch die Kanzeln in den Kathedralen von Brügge und Gent, die sich durch reichen Skulpturenschmuck auszeichnen. Beide verbindet das Motiv des Paradiesbaumes, der den Deckel der Kanzel schmückt. Ein weiteres Charakteristikum der Kanzel der Kathedrale von Gent bildet die Verbindung von antiker Mythologie und christlicher Ikonographie: Die Wahrheit fordert die Zeit auf, sich zu erheben – und präsentiert ein Zitat aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Epheser.

    Die Reise zu den flandrischen Wurzeln der Moderne ermöglichte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern so nachhaltige Eindrücke, wie untrennbar Religion und Kultur, Wirtschaft und Politik in Spätmittelalter und Früher Neuzeit verbunden waren.

    Bericht von Stefan W. Römmelt

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