Anthropozän erzählen
In loser Folge erzählen wir hier mit Ihnen Geschichten unserer Alltage im Anthropozän...
SoSe 26: Apfelanbau in Zeiten des Klimawandels
Text: Dr. Arnika Peselmann
Zeichnungen: Dr. Sandra Eckardt
Wann beginnt die Blüte?
Der anthropogene Klimawandel hat vielseitige Auswirkungen und berührt auch das Verhältnis von Menschen und Pflanzen - insbesondere in der Landwirtschaft. Als wichtiger Indikator für die Folgen des Klimawandels gilt der Beginn der Obstbaumblüte: So verlagert sich durch milde Winter die Blüte bei manchen Apfelsorten wie dem „Boskoop“ um fast einen Monat nach vorne. Welche Folgen hat das auf die komplexen ökologischen Beziehungen und wie reagieren die Menschen darauf, die Äpfel anbauen oder neue Sorten züchten?
„Gewinner“ und „Verlierer“ des Klimawandels?

Ein verändertes Klima wirkt auf die Zyklen von Pflanzen und Tieren: Durch wärmere Temperaturen verlängert sich die Vegetationsperiode der Apfelbäume, zugleich gefährden Spätfröste aber die früher austreibenden Blüten. Das kann zu massiven Ernteausfällen führen. Trockene Böden im Frühjahr behindern zudem die Nektarbildung der Bäume, was die Bestäubung der Blüten durch Hummeln, Wild- oder Honigbienen negativ beeinflusst. Allerdings gibt es auch Insekten, die von den wärmeren Temperaturen profitieren: Die Marmorierte Baumwanze beispielsweise, die Schäden an Früchten verursachen kann, wandert nun vermehrt in kühlere Regionen ein und bereits bekannte Insekten wie der Apfelwickler können mehr Generationen pro Jahr ausbilden.
Blüten schützen

Der Schutz der Blüten vor Spätfrösten hat oberste Priorität. So werden im intensiven Anbau die Obstbäuerinnen und -bauern mittels eines Warnsystems informiert, sobald die Temperatur in den Apfelanlagen unter den Gefrierpunkt sinkt und sie die Frostschutzberegnung einschalten müssen. Dabei wird Wasser häufig für Stunden über die Bäume gesprüht. Gefriert dieses, wird Erstarrungswärme frei, die die Temperatur der Pflanzenteile stabil nahe null Grad hält. In wasserreichen Anbauregionen wie dem Alten Land bei Hamburg lässt sich die Beregnung auch gegen Trockenstress im Sommer einsetzen, in trockeneren Gebieten wie dem Bodensee ist der hohe Wasserverbrauch jedoch problematisch.
Neue Sorten für ein verändertes Klima

Klimatisch angepasste Apfelsorten, die auch gegenüber Krankheitserregern widerstandsfähig sind und deshalb zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln beitragen, gelten als ein zentrales Ziel in der Sortenzüchtung. Klassische Zuchtmethoden, bei denen mit dem Pinsel Pollen auf den Blütenstempel aufgetragen wird, sind jedoch zeitaufwendig und können zwanzig Jahre und länger dauern. Um dem Klimawandel schneller und effektiver zu begegnen, werden in Politik und Wissenschaft zunehmend gentechnische Methoden wie die „Genschere“ diskutiert. Kritiker:innen wiederum halten diese Methoden für zu risikoreich und führen dabei auch ethische Überlegungen zum Eigenwert pflanzlichen Lebens an.
Agroforst: sich gegenseitig schützen

Um den Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen, wird im extensiven Streuobstanbau und vereinzelt auch im intensiven Anbau eine agroforstliche Bewirtschaftung betrieben, bei der Obstbäume und -sträucher in Kombination mit Ackerkulturen oder Grünland angebaut werden. Dies verbessert u.a. das Mikroklima durch die Verdunstungskühle der Gehölze. Diese schützen zudem vor Wind, der sonst zur Austrocknung und Abtragung der fruchtbaren Böden beiträgt. Diese Diversifizierung von Anbaufläche, die historische Vorläufer hat, zielt auf eine stärkere Klimaresilienz. Sie soll aber auch helfen, den Streuobstanbau wirtschaftlich nutzbarer zu machen und damit auch Alternativen zur monokulturellen Plantagenwirtschaft zu erproben.
Text und Zeichnungen basieren auf Erkenntnissen aus dem DFG-Forschungsprojekt „Äpfel handeln. Eine Multispecies Ethnografie ländlicher Ökonomien“ (DFG-Projektnummer 469261901) zu Menschen-Pflanzen-Beziehungen im kommerziellen Obstbau in Zeiten des Anthropozäns. Weitere Informationen hier
WiSe 25/26: Die Welt, die wir verlieren: Blühende Äcker und Wiesen
Ein Kooperationsprojekt der JMU und der THWS Würzburg
Dr. Beatrice Barrois und Prof. Dr. Michaela Fenske
Für botanische Beratung danken wir Prof. Dr. Markus Riederer.
Über Jahrtausende gewachsene Verflechtungen von Menschen und Pflanzen werden im Anthropozän gelöst. Dazu gehören die Verbindungen zu wilden Pflanzen in Äckern und an Feldrainen oder in Wiesen. Seit Jahrtausenden siedeln sich Pflanzen wie Klatschmohn oder Kornrade auf Standorten, die vom Menschen gestaltet oder beeinflusst werden (Felder, Wegränder, Beete, Ödland) an. So leben sie in seiner Nähe und gehören zu seiner unmittelbaren Umwelt. Umfangreich war auch das menschliche Wissen über sie, die Qualitäten der Pflanzen als Heilpflanzen für Mensch und Tier. Menschen wussten auch, was Pflanzen anzeigen. Das Gedeihen der zarten Hungerblümchen wurde als Vorbote für schlechte Ernten und hungrige Mägen aufgefasst, da diese Pflanze im Besonderen auf nährstoffarmen, trockenen Böden gedeiht. Mit der Rationalisierung und Technisierung der Landwirtschaft sind insbesondere seit den 1970er Jahren beschleunigt tiefgreifende Veränderungen verbunden. Mit Blick auf Wildkräuter in Äckern und Wiesen bedeutete dies umfangreiche Reduktionen an Arten, dem Wissen über sie und der mit ihnen verbundenen Lebenswelt.
Der diesjährige Herbstworkshop der Reihe „Anthropozän erzählen“ stellt diese Verflechtungsgeschichten in den Mittelpunkt. Anhand von ausgewählten Beispielen fragen wir danach, was mit bestimmten Pflanzen verlorengeht. Theoretisch verortet sich der Kurs im Zusammenhang der Plant Studies.
Ich stehe seit Jahrhunderten auf euren Feldern. Nicht eingeladen, nie gefragt. Ich bin einfach da. Ihr nennt mich Kratzdistel. Ein Name wie ein Vorwurf. Kratzend. Störend. Unerwünscht. Ein Wort, das sagt: Du bist zu viel. Dabei war ich einmal etwas anderes. Ihr habt mich gekannt, bevor ihr mich bekämpft habt. Meine Wurzeln in euren Händen, meine Blätter in euren Töpfen, mein Saft in euren Hoffnungen auf Heilung. Ich war Medizin, wenn der Körper stockte, wenn die Leber schwieg, wenn Wunden offenblieben. Dann habt ihr begonnen, die Felder zu ordnen. Gerade Linien. Reine Flächen. Platz nur für das, was Ertrag versprach. Und plötzlich war ich kein Heilmittel mehr, sondern ein Fehler im System. Ein Zeichen mangelnder Kontrolle. Ihr habt mich gestochen und vergessen, dass Dornen auch Schutz sind. Ich habe Bienen getragen, wenn sonst nichts mehr blühte. Schmetterlinge genährt, während ihr nach Schönheit gesucht habt. Ich habe ausgehalten, wo andere verschwunden sind. Und doch sagt ihr: Unkraut! Als wäre Leben nur dann wertvoll, wenn es euch gehorcht. Ich sehe euch. Wie ihr mich ausreißt, mich spritzt, mich bekämpft, als wäre ich ein Angriff. Dabei stehe ich nur dort, wo der Boden offen ist. Wo etwas fehlt. Wo ihr längst weitergezogen seid. Nun wird es still. Der Wind trägt weniger Insekten. Die Tage werden kürzer. Meine Kraft zieht sich zurück in die Tiefe meiner Wurzeln. Ich werde müde. Der Winter legt mir die Hand auf die Schulter. Und während ich einschlafe, träume ich. Ich träume von einem Menschen, der innehält. Der meine Dornen nicht als Drohung liest, sondern als Grenze. Der meine Blüte sieht und nicht fragt, wozu sie nützt. Ich träume davon, dass ihr mich wieder anschaut, nicht als Problem, sondern als Geschichte. Als Pflanze, die geblieben ist, als ihr euch entschieden habt, weiterzugehen. Vielleicht nennt ihr mich eines Tages nicht mehr Unkraut. Vielleicht sagt ihr dann: Sie gehört hierher. Und vielleicht ist das alles, was ich je wollte.

Die Kornrade (Agrostemma githago) ist eine einjährige Blütenpflanze aus der Familie der Nelkengewächse. Früher war sie in den Getreidefeldern Deutschlands weit verbreitet. Durch den Wandel der Landwirtschaft und moderne Saatgutreinigung ist die Kornrade heute sehr selten geworden. Ihre Verbreitungsstrategie ist eng an das Dreschen von Getreide und das anschließende Ausbringen des Saatguts gebunden.
Mit dieser dreiteiligen Kollage wird auf das Verschwinden der Kornrade und die damit einhergehende Veränderung der Kulturlandschaft aufmerksam gemacht.
SoSe 25: Sargassum – Herumtreiber der Meere und Verwandlungskünstler
Text: Prof. Dr. Laura Otto
Zeichnungen: Dr. Sandra Eckardt
SoSe 25: Essiggurken in Gefahr?
Idee und Sponsoring: Prof. Dr. Laura Otto, Juniorprofessur Anthropologie des Ländlichen; Kooperation: Ramona Hägele;
Zeichnungen: Marvin Bauersfeld
Jeder kennt sie. Man hasst oder liebt sie. Essiggurken im Glas.
Doch was, wenn das Wasser für ihre Herstellung zur Mangelware wird? In der Bergtheimer Mulde nahe Würzburg trifft der Geschmack mit Tradition auf die Krisen von heute: Klimawandel, Wassermangel, Landwirtschaft im Wandel. In der Region – und andernorts – stellt sich die Frage: Wem gehört das Wasser? Der Landwirtschaft oder der Bevölkerung? Brauchen wir technologische oder naturnahe Lösungen, um dem Wassermangel zu begegnen? Diese Geschichte erzählt vom Anthropozän und zeigt, wie Europäische Ethnologie helfen kann, solche Konflikte besser zu verstehen.
Lust, mehr zu erfahren? -> https://www.phil.uni-wuerzburg.de/eevk/kulturen/
WiSe 24/25: Artenschutz auf dem Campus erzählen
Ein Kooperationsprojekt der JMU und der THWS Würzburg
Dr. Beatrice Barrois und Prof. Dr. Michaela Fenske
Für biowissenschaftliche Beratung danken wir den Mitgliedern der Initiative Lebendiger Campus: Dr. Dieter Mahsberg, PD Dr. Johannes Spaethe, Dr. Sarah Redlich
Laufkäfer, Weinbergschnecken, Hasen und Füchse, aber auch Mauersegler, Schopf-Tintlinge, Bunthummeln oder Zauneidechsen leben am Campus Hubland. Sie teilen sich diesen Lebensraum mit vielen weiteren Arten, so auch mit menschlichen Studierenden, Mitarbeitenden im wissenschaftlichen und wissenschaftsstützenden Dienst, Professorinnen und Professoren.
Studierende der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft der JMU sowie Studierende für Gestaltung der THWS erzählen hier Geschichten aus Sicht dieser nichtmenschlichen Campusbewohner. Die Geschichten wurden im Rahmen eines Workshops im Herbst 2024 erarbeitet. Kultur- und biowissenschaftliches sowie gestalterisches Wissen wurden verbunden, um das Zusammenleben der Arten auf dem Universitätscampus erfahrbar zu machen.

WiSe 23/24: Der Daisy
Idee und Sponsoring: Prof. Dr. Michaela Fenske; Kooperation: Dr. Susanne Dinkl;
Zeichnungen: Dr. Sandra Eckardt
Idee und Sponsoring Michaela Fenske; Kooperation: Susanne Dinkl; Zeichnungen Sandra Eckardt





