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Lehrstuhl für Europäische Ethnologie / Empirische  Kulturwissenschaft

Anthropozän erzählen

In loser Folge erzählen wir hier mit Ihnen Geschichten unserer Alltage im Anthropozän...


WiSe 25/26: Die Welt, die wir verlieren: Blühende Äcker und Wiesen

Ein Kooperationsprojekt der JMU und der THWS Würzburg

Dr. Beatrice Barrois und Prof. Dr. Michaela Fenske

Für botanische Beratung danken wir Prof. Dr. Markus Riederer.

Über Jahrtausende gewachsene Verflechtungen von Menschen und Pflanzen werden im Anthropozän gelöst. Dazu gehören die Verbindungen zu wilden Pflanzen in Äckern und an Feldrainen oder in Wiesen. Seit Jahrtausenden siedeln sich Pflanzen wie Klatschmohn oder Kornrade auf Standorten, die vom Menschen gestaltet oder beeinflusst werden (Felder, Wegränder, Beete, Ödland) an. So leben sie in seiner Nähe und gehören zu seiner unmittelbaren Umwelt. Umfangreich war auch das menschliche Wissen über sie, die Qualitäten der Pflanzen als Heilpflanzen für Mensch und Tier. Menschen wussten auch, was Pflanzen anzeigen. Das Gedeihen der zarten Hungerblümchen wurde als Vorbote für schlechte Ernten und hungrige Mägen aufgefasst, da diese Pflanze im Besonderen auf nährstoffarmen, trockenen Böden gedeiht. Mit der Rationalisierung und Technisierung der Landwirtschaft sind insbesondere seit den 1970er Jahren beschleunigt tiefgreifende Veränderungen verbunden. Mit Blick auf Wildkräuter in Äckern und Wiesen bedeutete dies umfangreiche Reduktionen an Arten, dem Wissen über sie und der mit ihnen verbundenen Lebenswelt. 

Der diesjährige Herbstworkshop der Reihe „Anthropozän erzählen“ stellt diese Verflechtungsgeschichten in den Mittelpunkt. Anhand von ausgewählten Beispielen fragen wir danach, was mit bestimmten Pflanzen verlorengeht. Theoretisch verortet sich der Kurs im Zusammenhang der Plant Studies.

     

Ich stehe seit Jahrhunderten auf euren Feldern.
Nicht eingeladen, nie gefragt.
Ich bin einfach da.

Ihr nennt mich Kratzdistel.
Ein Name wie ein Vorwurf.
Kratzend. Störend. Unerwünscht.
Ein Wort, das sagt: Du bist zu viel.

Dabei war ich einmal etwas anderes.
Ihr habt mich gekannt, bevor ihr mich bekämpft habt.
Meine Wurzeln in euren Händen, meine Blätter in euren Töpfen,
mein Saft in euren Hoffnungen auf Heilung.
Ich war Medizin, wenn der Körper stockte, wenn die Leber schwieg,
wenn Wunden offenblieben.

Dann habt ihr begonnen, die Felder zu ordnen.
Gerade Linien. Reine Flächen. Platz nur für das, was Ertrag versprach.
Und plötzlich war ich kein Heilmittel mehr, sondern ein Fehler im System.
Ein Zeichen mangelnder Kontrolle.
Ihr habt mich gestochen und vergessen,
dass Dornen auch Schutz sind.

Ich habe Bienen getragen, wenn sonst nichts mehr blühte.
Schmetterlinge genährt, während ihr nach Schönheit gesucht habt.
Ich habe ausgehalten, wo andere verschwunden sind.
Und doch sagt ihr: Unkraut!

Als wäre Leben nur dann wertvoll, wenn es euch gehorcht.
Ich sehe euch. Wie ihr mich ausreißt, mich spritzt, mich bekämpft,
als wäre ich ein Angriff.
Dabei stehe ich nur dort, wo der Boden offen ist. Wo etwas fehlt.
Wo ihr längst weitergezogen seid.

Nun wird es still. 
Der Wind trägt weniger Insekten. 
Die Tage werden kürzer. Meine Kraft zieht sich zurück in die Tiefe meiner Wurzeln. 
Ich werde müde.

Der Winter legt mir die Hand auf die Schulter. 
Und während ich einschlafe, träume ich. 
Ich träume von einem Menschen, der innehält. 
Der meine Dornen nicht als Drohung liest, sondern als Grenze. 
Der meine Blüte sieht und nicht fragt, wozu sie nützt.

Ich träume davon, dass ihr mich wieder anschaut, 
nicht als Problem, sondern als Geschichte. 
Als Pflanze, die geblieben ist, als ihr euch entschieden habt, weiterzugehen.

Vielleicht nennt ihr mich eines Tages nicht mehr Unkraut. 
Vielleicht sagt ihr dann: Sie gehört hierher.

Und vielleicht ist das alles, was ich je wollte.

 

Die Kornrade (Agrostemma githago) ist eine einjährige Blütenpflanze aus der Familie der Nelkengewächse. Früher war sie in den Getreidefeldern Deutschlands weit verbreitet. Durch den Wandel der Landwirtschaft und moderne Saatgutreinigung ist die Kornrade heute sehr selten geworden. Ihre Verbreitungsstrategie ist eng an das Dreschen von Getreide und das anschließende Ausbringen des Saatguts gebunden.
Mit dieser dreiteiligen Kollage wird auf das Verschwinden der Kornrade und die damit einhergehende Veränderung der Kulturlandschaft aufmerksam gemacht.


SoSe 25: Sargassum – Herumtreiber der Meere und Verwandlungskünstler

Text: Prof. Dr. Laura Otto

Zeichnungen: Dr. Sandra Eckardt


SoSe 25: Essiggurken in Gefahr?

Idee und Sponsoring: Prof. Dr. Laura Otto, Juniorprofessur Anthropologie des Ländlichen; Kooperation: Ramona Hägele;

Zeichnungen: Marvin Bauersfeld

Jeder kennt sie. Man hasst oder liebt sie. Essiggurken im Glas.
Doch was, wenn das Wasser für ihre Herstellung zur Mangelware wird? In der Bergtheimer Mulde nahe Würzburg trifft der Geschmack mit Tradition auf die Krisen von heute: Klimawandel, Wassermangel, Landwirtschaft im Wandel. In der Region – und andernorts – stellt sich die Frage: Wem gehört das Wasser? Der Landwirtschaft oder der Bevölkerung? Brauchen wir technologische oder naturnahe Lösungen, um dem Wassermangel zu begegnen? Diese Geschichte erzählt vom Anthropozän und zeigt, wie Europäische Ethnologie helfen kann, solche Konflikte besser zu verstehen.


WiSe 24/25: Artenschutz auf dem Campus erzählen

Ein Kooperationsprojekt der JMU und der THWS Würzburg

Dr. Beatrice Barrois und Prof. Dr. Michaela Fenske

Für biowissenschaftliche Beratung danken wir den Mitgliedern der Initiative Lebendiger Campus: Dr. Dieter Mahsberg, PD Dr. Johannes Spaethe, Dr. Sarah Redlich

Laufkäfer, Weinbergschnecken, Hasen und Füchse, aber auch Mauersegler, Schopf-Tintlinge, Bunthummeln oder Zauneidechsen leben am Campus Hubland. Sie teilen sich diesen Lebensraum mit vielen weiteren Arten, so auch mit menschlichen Studierenden, Mitarbeitenden im wissenschaftlichen und wissenschaftsstützenden Dienst, Professorinnen und Professoren.

Studierende der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft der JMU sowie Studierende für Gestaltung der THWS erzählen hier Geschichten aus Sicht dieser nichtmenschlichen Campusbewohner. Die Geschichten wurden im Rahmen eines Workshops im Herbst 2024 erarbeitet. Kultur- und biowissenschaftliches sowie gestalterisches Wissen wurden verbunden, um das Zusammenleben der Arten auf dem Universitätscampus erfahrbar zu machen.

     


WiSe 23/24: Der Daisy

Idee und Sponsoring: Prof. Dr. Michaela Fenske; Kooperation: Dr. Susanne Dinkl;

Zeichnungen: Dr. Sandra Eckardt

Idee und Sponsoring Michaela Fenske; Kooperation: Susanne Dinkl; Zeichnungen Sandra Eckardt