Erzählen mit vielen Arten
Rosen, Fledermäuse & Co. Gartengeschichten aus dem Bliesgau
Annette Bak
Einleitung
Das alte Dorfhaus war jahrelang vernachlässigt worden, aber solide, der Preis akzeptabel und es hatte einen Garten. Nicht zu groß, nicht zu klein, aber ebenso ungepflegt wie das Haus. Ein grünes Durcheinander aus dichten hohen Grasrispen, langstieliger Pfefferminze und ein paar Herbstanemonen. Dazwischen, das sah ich später, verkümmerten zwei rote Pfingstrosen und ein türkischer Mohn. Hinter einem mannshohen Buchs war der Kompost versteckt, entlang der Hauswand hatte der Vorbesitzer eine Reihe Thuja gepflanzt, außerdem gab es noch einen alten Birnbaum. Das war vor zwanzig Jahren.
Die Thujabäume sind schon lange abgesägt, der Birnbaum an Altersschwäche gestorben und der Buchs hat die Attacke der Buchsbaumzünsler nicht überlebt. Aber die Pfingstrosen blühen jedes Jahr prächtig so wie die Herbstanemonen und die vielen Stauden und Rosen, die dazugekommen sind. Ein paar Salate und Gemüse wachsen in Hochbeeten. Kleine Obstbäume lassen mich mit vielen Blüten in jedem Frühjahr von reichen Ernten träumen und über dem Miniteich kreisen die Libellen.
Der Garten ist für mich nicht nur der schönste Zeitvertreib oder der Ort an dem ich für einen Moment die Welt um mich vergessen kann. Er ist vor allem auch das Zuhause für viele Tiere und Pflanzen. Sie sind meine Nachbarn, deren Charakter und Lebensgewohnheiten ich kenne, deren Wohlergehen mir meistens am Herzen liegt und über die ich – Dorfklatsch hat eine lange Tradition – das ein oder andere erzählen kann!
Die Amsel
Anfang der Saison musste ich ein altersschwaches Hochbeet abbauen. Das Holz an einer Seite war nach zehn Jahren gefault. Noch viel schlimmer war aber, dass während der Wintermonate eine Ratte ins Hochbeet gezogen war. Die Erde wollte ich deshalb nicht mehr für Gemüse verwenden und begann sie, mit großen Schaufeln in den Blumenbeeten zu verteilen. Das beobachtete eine Amsel aus der Deckung der benachbarten Felsenbirne.
Sie hatte es – das merkte ich schnell, auf die dicken Engerlinge abgesehen, die meine Schaufel aus dem Hochbeet an die frische Luft befördert hatte. Offenkundig eine unwiderstehliche Delikatesse, denn die Amsel kam ohne Scheu immer näher und pickte eine Käferlarve nach der anderen auf, um sie, im Ganzen zu verschlucken.
Einige Tage später sah ich sie wieder durch den Garten spazieren, mit Moos und kleinen Zweigen im Schnabel. Sie tat mir leid, ich stellte mir vor, sie sei hungrig und abgehetzt vom Nestbau und wühlte kurzentschlossen in den Resten des Hochbeets nach Engerlingen, die ich auf einer Schale anrichtete. Nach kurzer Zeit hüpfte sie auf den Teller, pickte einen Happen, trippelte zurück ins Gebüsch und verspeiste ihn.
Wann immer ich in den nächsten Wochen im Garten war, die Amsel kam sofort angeflattert. Inzwischen hatte ich alle Hochbeete und Blumentöpfe nach Engerlingen durchwühlt und in meiner Not auch viele Regenwürmer ausgegraben. Manchmal sass sie vor mir, kaum einen halben Meter entfernt, auf einem Bein, schaute mich durchdringend an und piepste solange, bis der Wurm serviert war. Den zerlegte sie in schnabelgerechte Portionen, flog zum inzwischen geschlüpften Nachwuchs und stand kurze Zeit später mit erwartungsvollem Blick wieder vor mir.
Ich war geschmeichelt, ich hatte ein wildes Tier gezähmt und stellte mir vor, wie sie mit ihrer Kükenschar in den Garten käme und die Jungvögel vertrauensselig auf meine Hand fliegen würden. Auch mein Mann kam aus dem Staunen nicht heraus, seine Frau sprach mit den Vögeln!
Ein paar Tage später erfuhr ich, dass alle Nachbarn inklusive der weiter entfernten die Amsel schon länger kannten. Sie hatte mit ihrem Piepsen und ihrer Aufdringlichkeit einfach eine sehr gute Methode gefunden, um sich so wenig wie möglich anzustrengen, das musste ich leider anerkennen, auch wenn meiner Karriere als Vogelflüsterin damit ein jähes Ende gesetzt war!

Bildquelle: © Annette Bak
Blaue Blume
Sie war so blau, wie ich mir die blaue Blume bei Novalis schon immer vorgestellt hatte. Azurblau mit ein wenig hellblau gemischt, üppige Dolden auf dunkelgrünem Laub, wunderschön. Insektenfreundlich sollte sie auch noch sein und pflegeleicht, wie geeignet für eine Ecke im Garten, die nur morgens Sonne hat. Ein Waldphlox im Gartencenter hatte mein Herz im Sturm erobert und trat mit mir die Reise in seine neue Heimat an.
Wenn der Waldphlox es dem Gartenphlox gleichtun würde, dann würden bald überall blaue Tupfer meinen Garten zieren, so dachte ich mir das. Doch weit gefehlt.
Auf der Heimfahrt fiel mir ein merkwürdig pudriger Duft auf, der sich überall im Auto verbreitete, schwer und zunehmend unangenehmer. Ich war froh, als ich endlich zuhause war. Da stellte sich heraus: Der Gestank kam aus dem Karton im Kofferraum, es war der Waldphlox.
Zurückbringen konnte ich ihn schlecht und so setzte ich ihn, um den Geruch zu neutralisieren, zwischen rosafarbene Storchenschnäbel, denn die duften, wenn man ihnen zu Nahe kommt, nach Weihrauch. Sah auch sehr schön aus, ein blauer Punkt in einem Meer von Rosa. Doch die Standortwahl war ein Fehler. Denn auch den Storchschnäbeln war offensichtlich der Waldphloxduft zu viel. In Windeseile hatten sie die stinkende Konkurrenz überwuchert und nach nur drei Wochen war von ihm nichts mehr zu sehen,
Rose
Ich entdeckte sie bei einem Streifzug im Januar in einem großen Blumenladen. Sie hatte den Winter im Topf in einer Ecke verbracht. Keiner erinnerte sich an ihren Namen, geschweige denn wusste in welcher Farbe sie blühen würde. Nur ihre Herkunft war klar, die verblichene Schrift auf dem Plastiktopf identifizierte sie als englische Rose. Ich konnte nicht nein sagen und nahm sie für wenige Euro mit nach Hause.
Ihre neue Heimat: ein Problembeet mit wenig Platz und noch weniger Wasser, gleich vor dem Haus. Obwohl ich jeden Tag goss und auch mit Rosendünger nicht geizte, überlebte die Pflanze kaum das erste Jahr.
Im darauffolgenden Frühjahr schnitt ich sie Anfang Februar radikal zurück, düngt nochmals und wartete auf ein Wunder. Und das gab es wirklich: Anfang April begann sie kräftig auszuschlagen und Mitte Mai kamen die ersten wenigen Blüten. Goldgelb gefüllt, groß wie eine halbe Hand, mit einem intensiven würzigen Rosenduft. Ausserdem erwies sich die Pflanze als extrem robust, sie musste sehr tief wurzeln, denn trotz Südlage hat sie noch nie an Wassermangel gelitten und Schädlinge haben sich auch noch nicht an sie gewagt.
Inzwischen überwächst sie fast die ganze Länge des Hauses und jedes Jahr im Mai habe ich ein gelbes Blütenmeer vor der Haustür. Der preiswerte Zufallskauf war ein echter Volltreffer.

Bildquelle: © Annette Bak
Holzhecke
Mein Mann und ich hatten unser Grundstück um ein paar Quadratmeter erweitern können und dort Büsche und Bäume stark gestutzt. Nun wussten wir nicht wohin mit all den Ästen und Zweigen. Dann hatte meine große Schwester eine gute Idee. Sie baute ein grobes Gerüst mit Holzstangen und legte Äste und Zweige hinein, am Schluss war ein gut ein Meter hoher und zwei Meter langer Wall entstanden.
Ich war begeistert, denn wann immer ich künftig Büsche beschneiden würde, hätte ich kein Problem mehr mit der Entsorgung des Schnittguts. Ich musste nur alles immer oben auflegen. Und als der Stapel nach ein paar Monaten zu hoch wurde, baute ich einfach einen neuen an einer anderen Stelle des Gartens. Und als der dann auch zu hoch wuchs, war das untere Holz des ersten Stapels schon soweit vergangen, dass ich ihn wieder auffüllen konnte.
Mit der Holzhecke bevölkerte sich der Garten. Die ersten Tiere, die in den Holzstapeln einzogen, waren zwei Zaunkönige, die ihr kleines Nest zwischen die Zweige bauten. Dann kamen die Spitzmäuse, die, wie in einer Prozession den Stapel nach oben stiegen.
Insekten und Spinnen waren überall, in der unteren Etage zog ein Igel ein. Vermutlich waren auch eine Menge Blindschleichen und Kröten im Schlepptau mit dabei, denn die Zahl der Schnecken, die sich über meinen frisch gesetzten Salat hermachten, nahm mit den Holzstapeln kontinuierlich ab. Das überzeugte übrigens auch die Nachbarn! So sehr, dass sie in der Zwischenzeit alle ihre eigene Holzhecke angelegt haben.

Bildquelle: © Annette Bak
Fledermaus
Zwei Dachdecker schraubten Ende Februar den großen Schwalbenkasten direkt unter dem Dachüberstand fest. Normalerweise kommen die ersten Schwalben Ende März zu uns und wir hofften natürlich, dass sie sofort die neue Wohnung bei uns am Haus beziehen würden. In diesem Jahr kamen sie erst Anfang April, aber keine einzige liess sich bei uns nieder. Es vergingen Mai und Juni, im Schwalbennest beim Nachbarn herrschte munteres Treiben, nur bei uns war noch immer kein Vogel im Nest. Im September zogen die Schwalben in den Süden, im Frühjahr waren sie zurück, aber der Schwalbenkasten bei uns am Haus blieb leer.
Dann im Oktober hörte ich auf einmal ein Rumoren und Rascheln aus dem Kasten und nach ein paar Tagen entdeckte ich eine kleine Fledermaus, die dort eingezogen war. Doch was suchte eine Fledermaus im Herbst im Schwalbenkasten? Ein Naturschützer klärte mich auf. Das Rumoren und Rascheln war die Fledermaushochzeit! Die findet vor der Überwinterung in einer nahe gelegenen Höhle in einem geeigneten Unterschlupf statt. Nach den Flitterwochen siedeln die Fledermäuse in die Höhle um, und setzen dort im kommenden Jahr ihren Nachwuchs in die Welt.
Die Installation des Schwalbenkastens war also nicht umsonst gewesen. Wir hatten zwar keine Schwalben an unserem Garten interessieren können, dafür aber hatten wir ein verliebtes Fledermauspaar glücklich gemacht und vielleicht für Nachwuchs bei der örtlichen Fledermausgrossfamilie gesorgt!
Giersch
Es fing mit einer klitzekleinen Pflanze an, die sich, wie auch immer, in einer Ecke des Gartens angesiedelt hatte. Im Sommer drauf waren es nicht nur zwei oder drei Pflanzen, es war tatsächlich schon ein kleiner Pflanzenteppich entstanden. Eigentlich ganz hübsch, im Juni mit vielen weißen Blüten und obendrein von vielen Insekten umschwirrt. Doch irgendwann sah ich nur noch weiße Blüten, das g a n z e Beet war überwuchert. Der Nieswurz war schon erstickt, Farn und auch der Felberich gaben auf. Selbst kleine Büsche verschwanden. Ich hatte innerhalb von zwei Jahren eine Gierschplantage erschaffen!
Jeder Versuch, ihn auszumerzen war vergebens. Rupfen endet fast immer mit einer Handvoll Blätter ohne Wurzel, denn die bleibt fest im Boden. Gelang es wider Erwarten, sie auszureißen, blieb trotzdem immer ein kleines Stückchen zurück und der Giersch wucherte weiter. Egal zu welcher Jahreszeit.
Ich hätte den Boden komplett abtragen müssen, um das Wucherkraut loszuwerden. Das aber war sinnlos, denn auch im Nachbargarten hatte sich der Giersch ausgebreitet und würde garantiert wieder zurück zu mir kommen. Ich musste mir etwas anderes überlegen.
Bis ganz zum Beetrand hatte sich der Giersch noch nicht durchgesetzt, das musste so bleiben. Zukünftig würde ich dort jedes Blättchen samt Wurzel erbarmungslos ausgraben.
In einer Ecke weiter hinten pflanzte ich Rauling. Dort, wo die Borretschpflanze mit den sehr großen Blättern wächst, hat sich der Giersch inzwischen freiwillig zurückgezogen. Ausserdem habe ich mitten ins verseuchte Beet mehrere Inseln mit kaukasischem Beinwell, Wiesenknöterich, Japan-Anemonen und diversen Sorten Storchschnabel gesetzt. Sollte auch das nicht funktionieren, werde ich nach der Gierschblüte einfach meine Kästen mit den Sommerblumen aufs Beet stellen. Dann habe ich wenigstens ein paar Farbtupfer im grünen Beet...
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Bildquelle: Franz Xaver, CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/wiki/Giersch#/media/Datei:Aegopodium_podagraria_1.jpg
Palmkohl
Durch ein Missverständnis hatte ich zwei Päckchen mit Samen für Palmkohl gekauft. Eines wollte ich selber aussähen, das andere hatte ich an eine Freundin mit grünem Daumen weitergegeben mit der Bedingung, mir die ein oder andere Pflanze zu überlassen, falls meine Aussaat nicht aufgehen würde. Tatsächlich gab sie mir ein paar Wochen später einen großen Topf mit mehreren Setzlingen, was mir sehr entgegen kam, denn ich hatte die Tüte verlegt und den Aussaatzeitpunkt verpasst.
Einige Pflänzchen gab ich an meine Schwester weiter, die anderen würde ich im Garten unterbringen, denn der Palmkohl schmeckt nicht nur sehr gut, er ist auch eine sehr ausladende und hohe Pflanze mit großem Zierwert.
Das hatte ich mir im Spätwinter so ausgedacht, als ich den Samen gekauft hatte. Nur: Zu dieser Jahreszeit ist der Garten leer und übersichtlich, Platz ist kein Problem. Ich hätte es wissen müssen, diese Rechnung war noch in keinem Jahr aufgegangen. Denn ab April sind alle Beete voll und kein Zentimeter Boden mehr frei. Wohin also mit dem Palmkohl. Vier Pflänzchen wollten einen Platz zum Wachsen und groß werden.
Eins habe ich neben die Wirsinge gesetzt, ein zweites ins Hochbeet neben den Tomaten, das dritte neben zwei Kartoffelpflanzen und das letzte habe ich im Topf gelassen, falls die anderen es nicht schaffen.
Doch inzwischen haben die Schnecken ganze Arbeit geleistet, von meinem Palmkohl sind nur noch die Gerippe übrig, auch im Hochbeet. Und so wie es aussieht, müssen wir auch in diesem Jahr den Cavolo Nero, wie Palmkohl auf Italienisch heißt, im Supermarkt unserer Wahl käuflich erwerben….

Bildquelle: truller, CC0-Lizenz
Kaulquappen
Viele waren es nicht, aber es hatte sich ganz offensichtlich ein Krötenpärchen in meinen Miniteich gut gehen lassen und Eier gelegt. Die waren zwar schnell von den Krähen entdeckt und zum großen Teil verspeist worden, aber einige wenige Kaulquappen waren trotzdem geschlüpft und versteckten sich unter den Blättern der kleinen Seerose. Sie wurden jeden Tag größer und stärker.
Doch die Freude über den Gartenzuwachs war nicht von Dauer. Denn ein paar Tage später sah ich nur noch zwei statt acht durchs Wasser paddeln. Kurz drauf wusste ich, was geschehen war. Eine dicke Ringelnatter hatte sich im niedrigen Bereich des Teichs zusammengerollt und blinzelte in die Sonne. Offensichtlich hatte sie auch die beiden letzten Kaulquappen als Mittagessen verspeist. Als sie mich bemerkte war sie in Sekundenschnelle unter den nahen Büschen verschwunden.
Ich war hin und her gerissen, einerseits stolz, eine Ringelnatter im Garten zu haben, immerhin ein Zeichen dafür, dass mein naturnaher Garten von den heimischen Tieren angenommen würde, andererseits taten mir die armen Kaulquappen leid. Ich konnte aber auch schlecht ein Schild aufstellen, Eintritt für Ringelnattern verboten. Danach hat sich ohnehin kein Krötenpärchen mehr in meinen Teich verirrt und die Ringelnatter ist auch nie wieder aufgetaucht.
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| Bildquelle: Claudia Peters (huskyherz), CC0-Lizenz | Bildquelle: Andreas Eichler, CC BY-SA 4.0 https://de.wikipedia.org/wiki/Ringelnatter#/media/Datei:2017.07.17.-21-Tiefer_See_oder_Grubensee-Storkow_(Mark)--Ringelnatter.jpg |
Idee/Sponsoring : Prof. Dr. Michaela Fenske
Text/Illustration: Luise Stark
Die Bildergeschichte behandelt das (Zusammen-)Leben einer Burlat-Kirsche unter der Perspektive der Gastlichkeit im Garten (Clément, Gilles 2015). Über das Jahr hinweg zeigen die Illustrationen verschiedenste Spezies, die bei dem Kirschbaum zu Gast sind.
Die Gastlichkeit des Kirschbaums
Im Wintersemester 2025/26 arbeitete Fernanda Haskel, Stipendiatin im Rahmen des Programmes Psychosoziologie von Gemeinschaften und Soziale Ökologie der Universität Rio de Janeiro, Brasilien, mit unserer Forschungsgruppe. Die Geschichte einer Gärtnerin über die tröstende Kraft von Johanniskraut inspirierte Fernanda. Sie verwob die Leuchtkraft der Heilpflanze mit der Geschichte ihrer im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Brasilien eingewanderten Familie zu einer neuen Pflanzengeschichte.
Der Traum der Blume
Fernanda Haskel mit Johanniskraut
Dies ist die Geschichte einer Pflanze, die am Rande der Blumenbeete träumt. Sie träumt und lässt andere träumen. Träume sind überlieferte Technologien. Die Pflanze und ihre Menschen träumen, um zwischen den Welten zu navigieren.
In einer nahegelegenen Stadt – zwischen den Betonstraßen – hört eine Frau eine Geschichte über Johanniskraut und schläft ein.
Nachdem sie den Namen der Pflanze zum ersten Mal gehört hat, dringt Johanniskraut in ihre Träume ein. Die Blume lässt die Samen der Erinnerungen in einem neuen Traum keimen: Ein blauer Ballon fliegt über ein nahegelegenes Land – ein Land ohne Zivilisation.
Als sie erwachte, blühte schon in deutscher Sprache der Name in ihrem Herzen: Johanniskraut.
Verzauberung ist die Lehre der Pflanze. Mit ihrem Zauber nimmt sie die Frau in ihre Obhut. Sie kümmert sich um sie und leitet sie, hilft ihr, Verluste zu überwinden.
Zwischen den Welten wandelnd ruht sie und träumt davon, sich ihr hinzugeben. Alles, was sie tun muss, ist ihren Körper dem Zauber anzuvertrauen.
Die Haut der Frau wird von den leuchtenden Pollen der sonnigen Blütenblätter bestäubt.
Pflanzensaft und Blut vermengen sich, verflochtene Wurzeln durchdringen ihren Körper und lassen den Garten der Erinnerung ebenso wachsen wie die Erinnerungen des Gartens. Sie sät die Pflanze, und die Pflanze sät sie.
Ihr Körper, er gehört nicht mehr ihr allein. Er ist zum gemeinsamen Boden geworden, fruchtbar für die Pflanze, die er liebt.
Entrückt und verzaubert wird sie selbst zum Garten, zum Körper-Territorium, in dem Träume aus der Erde sprießen.
Sie nimmt andere Lebensformen an und lässt sich auch von ihnen annehmen.
Sie ist der Magie des Johanniskrauts erlegen. Ihre Wünsche werden zu seinen Träumen, zu den Träumen der Blume. Liebe heißt, einander begegnen und gemeinsam verschieden sein.
Durch Welten wandelnd, lebt das Johanniskraut als Grenzgängerin zwischen Medizin und Magie, Aberglaube und Wissenschaft, Labor und Legende. Zwischen Burgen und Kirchen, Glocken und Sirenen wurde der Name der Pflanze aufgrund ihrer Blütezeit mit einem Heiligenfest in Verbindung gebracht.
Johanniskraut blüht jedoch zur Sommersonnenwende. Trotz seiner namentlichen Verbindung zur Kirche folgt es dem Erdzyklus. Die Blume, sie träumt in der Sonne höchstem Stand.
Als Maria-Blutkraut kann sie – Heilerin und Hexe zugleich – Liebeszauber wirken und Krankheiten heilen. Heilende Frauen erkannten einst die magischen Fähigkeiten des Johanniskrauts. Im Laufe der Zeit wurden viele von ihnen durch patriarchale und koloniale Erzählungen als „Hexen“ gebrandmarkt. Doch spätere Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass das Kraut – welche Ironie – zum Schutz vor Hexen verwendet wurde.
Es heißt, dass die winzigen Löcher in den Blättern des Johanniskrauts das Werk des Teufels seien, der über die heilenden und schützenden Kräfte der Pflanze verärgert war. Die Wissenschaft aber hat darin durchsichtige Drüsen entdeckt, voll von medizinisch wirksamen Substanzen. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Johanniskraut bei Erkrankungen wie Depressionen hilfreich ist, und schon bald wurde die Pflanze zu einem verpackten Nahrungsergänzungsmittel, das in den Regalen der Supermärkte zu finden ist.
„Und was“, fragt die Frau, „ist die Botschaft der Blätter?“
Anders als wir, schreibt die Pflanze ihre Worte nicht auf papierne Haut. Sie bewahrt alles, was sie erfährt, in fragmentierten Bildern, die sie durch die Löcher in ihren Blättern einfängt. Die Erinnerung an die Sonne trägt sie wie Samen in sich, immer bereit, mit ihnen am Rande der Blumenbeete neue Welten zu säen. Fürsorge ist die Form ihrer Sprache, Zuneigung ihre Schrift.
Die Löcher in den Blättern lassen Sonnenlicht durchscheinen. Schatten im Licht und Licht im Schatten.
In der Pflanzenliteratur gibt es Hinweise darauf, dass die Blätter eine Art Partitur darstellen.
Was Menschen als Licht wahrnehmen, empfinden Pflanzen als Klang – und singen mit dem Atem des Windes, der durch ihre Blätter weht. Das Pfeifen des Windes entschlüsselt die Partituren der Pflanzen und flüstert sie wie Zauberworte vor sich hin.
Sonne als Licht, Sonne als Ton, Sonne als Klang.
Zwischen Vernunft und Wahnsinn erzählen die Blätter des Johanniskrauts eine andere Geschichte – eine Geschichte, von Güte, Magie und Verbundenheit. Seine Blüten sind ungehorsam und beharrlich im Leben. Sie unterwerfen sich keiner Kontrolle. Zwischen den Rissen der Norm durchbrechen sie die Ordnung, lösen das Konkrete auf, ohne einen bestimmten Ort, an dem sie blühen können.
Für sie, die mit der letzten Blume des Sommers spricht, sind die durchscheinenden Drüsen wie die offenen Poren einer Haut. Sprachfenster, magische Tore, Vorrichtungen zum Übergang zu den transluzenten Denkweisen. Die Löcher in den Blättern sind Mechanismen, die unsere Wahrnehmung verändern, die uns „Welten durchsehen“ lassen.
„Die Augen sehen, das Gedächtnis erinnert sich, und die Vorstellungskraft ‚sieht darüber hinaus‘.“ – Manoel de Barros
Die Menschen sehen das Johanniskraut als Pflanze. Doch diese Pflanze sieht sich selbst als Mensch. Als Mensch mit Blütenhaut, gekleidet in einen löchrigen Blätterrock.
Die Sonne – der Traum der Blume – träumt von Welten, die in viele Welten passen.
Wenn man mit der Erde denkt, hört man das Rascheln der Blätter.
„Welche Welten könnten wohl entstehen“, fragt das Johanniskraut, „wenn wir auf das hörten, was am Rande der Blumenbeete blüht – am Rande der Welten, am Rande der Zivilisation?“
Zwischen den Welten lehrt Johanniskraut, an den Rändern der Beete zu träumen.
Translation revised by and adapted with Julia Gilfert
Neuankömmlinge in unseren Gärten: Die Blaue Holzbiene (Xylocopa violacea)
Idee: Prof. Dr. Michaela Fenske
Gestaltung: Dr. Sandra Eckardt
| Um die Wende zum neuen Jahrtausend erschien im Süden Deutschlands eine unbekannte mediterrane Wildbiene: Die blaue Holzbiene. | ![]() |
In Franken wurde die Biene zunächst von verschreckten Gärtnern als fremder Eindringling (interpretiert als „Ufo“) bekämpft.




Schon zwanzig Jahre später ist die Biene als wichtige Mit-Gärtnerin anerkannt.

2022 wurde die Holzbiene Gartentier des Jahres (Heinz-Sielmann-Stiftung), 2024 wurde sie Wildbiene des Jahres (NABU) |
Immer mehr Gärtnerinnen berücksichtigen die Bedürfnisse der Biene: Alte Obstbäume dürfen vor Ort verrotten, Muskateller Salbei verstärkt die mediterranen Pflanzengemeinschaften.

Durch den Klimawandel verstärkt, wandert die Blaue Holzbiene inzwischen auch in den Norden Europas. Wie viele andere Arten auch, ist sie gekommen, um zu bleiben. | ![]() |
- Mit der Blauen Holzbiene Denken. Neue Perspektiven auf die Verflechtungen von Menschen und Insekten. In: Bayerisches Jahrbuch 2023.
- Becoming Aware of Insects: Dangers and Endangerments in the Anthropocene. In: Hollsten, Laura et al. (ed.): Human-Bug Encounters in Multispecies Networks. Boston/Leiden 2025.
Winterling (Eranthis hyemalis)
Gudrun Reeb: „Winterling (Eranthis hyemalis)“ aus Wunderbar nichtsnutziges Gartenhortarium
(24 Pflanzenporträts) [unveröffentlicht]
Bildquelle: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé: Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gera 1885., Illustration Eranthis hyemalis0, als gemeinfrei gekennzeichnet, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Illustration_Eranthis_hyemalis0.jpg
Wundersames Wurm(blüten)wunder von Meyernberg
Gudrun Reeb: „Wundersames Wurm(blüten)wunder von Meyernberg“ aus Gartenblätter
(Sammlung merk_würdiger Begebenheiten) [unveröffentlicht]
Als die beiden Alten an diesem besonderen Juni Abend nach einem mühseligen Gartentag auf der alten Holzbank vor dem Haus niedersanken und ihre Knochen kaum mehr rühren konnten, ahnten sie noch nicht, welches wundersame Schauspiel ihnen wenig später dargeboten würde. Der Tag war reichlich warm gewesen. Die Sandsteinmauern ihres Häuschens gaben zur Nacht die Wärme des Tages wieder frei und wärmten ihnen die müden Rücken. Schweigend saßen sie bei ihrem im vorigen Herbst gekelterten Feierabendtrunk beisammen und hingen ihren Gedanken nach.
Die Apfelblüte neigte sich dem Ende zu. Von Zeit zu Zeit schneiten, verwirbelt durch den Abendwind, weiße Blütenblättchen auf den Gartenweg, das Staudenbeet und auf den von ihnen am Tag frisch eingesäten Rasenplatz zwischen Holzschuppen und Obstgarten nieder. Erst allmählich bemerkten sie, dass sich vor ihrer beider Augen ständig irgendetwas veränderte. Natürlich fielen immer wieder Blütenblätter auf die Erde. Aber das war es nicht, was sie irritierte. Minutenlang starten sie gebannt und mit geschärften Sinnen ins Dämmerlicht. Doch auf einmal erhellte sich die Miene des Mannes und ein Leuchten des Erkennens huschte über sein Gesicht. „Es sind die Blütenblätter“, hauchte er. Ungläubig starrte die Frau auf die weißbetupfte Erde. Und im selben Moment begriff sie ebenfalls, was da auf dem braunen, noch offenen Boden vor sich ging. Kaum merklich, wie bei einer kurzen Sinnestäuschung, wurden „flupp“ wieder und wieder einzelne Blättchen in die Erde gesaugt. Erst als sie von der Bank auf den Boden hinunterrutschte, konnte sie sehen, dass dort ein Heer von unzähligen Regenwürmern in dieser feuchten Nacht seiner Arbeit nachging und in aller Ruhe sein zartes Mal verspeiste.
Mißernte
Gudrun Reeb: „Mißernte“ aus Gartenblätter
(Sammlung merk_würdiger Begebenheiten) [unveröffentlicht]
| I: | II: | III. |
| umstechen | umstechen | umstechen |
| säen | säen | säen |
| gießen | gießen | gießen |
| sprießen | sprießen | sprießen |
| jäten | ||
_______ | `````````` | - - - - - - |
| SCHNECKEN | DAUERREGEN | DÜRRE |
| NICHTS | FÄULNIS | (fast) NICHTS |
Klein aber super intelligent
Kurt Kuhn
Baumwart im Obst-und Gartenbauverein Homburg
An den Stamm eines frisch gepflanzten Bäumchens hatte ich einen Leimring angebracht und inspizierte Tage später die Krone auf Befall mit Blattläusen. Diese werden bekanntlich von Ameisen installiert, gegen Marienkäferlarven geschützt und später "gemolken". Wenn man kurz am Stamm rüttelt, bricht unter den Ameisen sogleich Unruhe aus und man weiß, dass sie bereits emsig "bei der Arbeit" sind. Nach Blattläusen muss man da nicht mehr lange suchen.
Es waren sofort jede Menge Ameisen in Bewegung, aber sie stoppten oberhalb des Leimringes. Dieser war noch klebrig.
Da merkte ich, dass sich ein dünner Zweig unter der Last der Blätter heruntergeneigt hatte und eine Blattspitze direkt am oberen Ende des Pflanzpfahles hing. Dort saß eine Ameise und hielt die Blattspitze fest. Bei jedem Windstoß ließ das Tierchen los und wartete geduldig bis die Blattspitze wieder greifbar war. So lange diese "Brücke" in Funktion war, marschierten wartende Ameisen vom Pfahl aufs Blatt bzw. andere herunter, so wie das schon oftmals in Zeichentrickfilmen gezeigt worden ist. Ich krümmte mich vor Lachen! Wie können denn so kleine Geschöpfe so einfallsreich und diszipliniert sein? Respekt, Respekt! In mir erwachte der Lausbube und wenn der nächste Windstoß zu lange auf sich warten ließ, pustete ich auf das Blatt...
Schließlich war mir die Gesundheit des Bäumchens wichtiger und ich sägte den Pfahl kürzer. Es war Schluss mit lustig.









