Aus dem Leben – mit Tätowierungen Lebensgeschichte(n) erzählen
Tattoos haben eine eigene Geschichte, und Tattoos erzählen Geschichten. Diese Geschichten erzählen sowohl aus dem Leben als auch über das Leben. Schon längst haben Tattoos ihren Charakter als Modeaccessoire verloren und weisen über ihren reinen Symbolgehalt hinaus. Nicht selten markieren sie einschneidende Ereignisse im Leben ihrer Träger:innen; sie sind Statements, Ausdruck von Identität und Zugehörigkeit; oder sie erfahren Bedeutung in religiös-spirituellem Kontext. Damit fungieren Tattoos als Ausdruck individueller Persönlichkeit und resultieren nicht selten aus zentralen Einschnitten in den Biografien ihrer Träger*innen.
Im Rahmen des Seminars wurden die Geschichten, die hinter den einzelnen Tätowierungen stehen, sichtbar gemacht. Daraus resultiert, dass die Beiträge ebenso facettenreich, unterschiedlich und besonders sind, wie die Lebenswege der Personen. Das angestrebte Ausstellungsprojekt möchte diese lebensweltlichen Geschichten kommunizieren.
Leitung und Teilnehmer:innen des Projektseminars bedanken sich herzlich bei ihren Forschungspartner:innen.
*Forschungspartner:innen wurden pseudonomisiert
Text: Amelie Lohmann
Die Gründe für eine Tätowierung können vielfältig sein. Sie können eine klare Bedeutung tragen oder aus ästhetischen Gründen gestochen worden sein. Letzteres scheint auf den ersten Blick bei meiner Interview-Partnerin June der Fall zu sein. Jedoch versteckt sich bei genauerem Hinsehen mehr hinter den kunstvollen Abbildungen auf ihrer Haut.
Quellenverzeichnis:
June [nach Anonymisierung], Interview am 27.06.2025.
Text: Katja Saupe
Als Motiv wählte Lisa-Marie das Schullogo. Es zeigt ein Segelschiff, das auf den Betrachter zufährt. Da das Schiff auch in der Legende der Heiligen Ursula eine Rolle spielt, ist es für Lisa-Marie fest mit ihrem Glauben verbunden.
Das Tattoo befindet sich am Handgelenk und ist somit stets gut sichtbar. Gestochen wurde es in der Zeit zwischen den Abiturprüfungen und der Abiturfeier. Lisa-Marie war es wichtig, das Tattoo vor dem offiziellen Ende ihrer Schulzeit zu haben, sodass sie mit der Erinnerung an ihre Vergangenheit in die Zukunft starten konnte.
Auch nach dem Abitur fühlt sich Lisa-Marie noch mit ihrer Schule verbunden und besucht die Schulgottesdienste. Bei einem dieser Gottesdienste wurde die Schulleiterin auf das Tattoo aufmerksam. Der Ordensschwester gefiel das Tattoo sehr gut: „Und mich hat das so gefreut, weil im Endeffekt hat ja dann auch diese Botschaft, die ich mir unter die Haut habe stechen lassen, sie erreicht.” (Lisa-Marie, 2025)
Quellenverzeichnis:
Lisa-Marie, Studentin, Würzburg, Interview am 01.08.2025.
Text: Angelika Küspert
Seitdem Tätowierungen gesellschaftlich immer mehr akzeptiert sind, gewinnen Memorial Tattoos zunehmend an Beliebtheit. Auch Menschen, die Tätowierungen ansonsten eher ablehnend gegenüberstehen, verändern ihre Sichtweise, wenn es sich um ein Erinnerungstattoo für einen geliebten Menschen handelt. Ein Trauer-Tattoo ist weit mehr als nur ein Körperbild – es ist ein tiefgehendes Symbol der Erinnerung, das hilft, einem geliebten Menschen stets nah zu bleiben (Fricke 2025).
So fungieren Tattoos als Erinnerungen an Lebensstationen, besondere Erlebnisse, verstorbene Menschen oder Tiere und werden als Stütze und Hilfe erlebt. Bei der konkreten Betrachtung bzw. allein durch das Wissen um die Existenz des Tattoos, erleben viele Menschen Beruhigung. Sie beschreiben es als Kraftquelle und Vergewisserung, dass das Erlebte bzw. die Personen auf ihrer Haut noch vorhanden sind und nicht verschwinden oder verloren gehen können. Diese Beobachtungen passen zu neueren Erkenntnissen der Trauerbewältigung.
Die von Freud postulierte Hauptfunktion der Trauerarbeit, nämlich die emotionale Bindung zur verstorbenen Person aufzulösen, wird in neueren Trauerkonzepten in Frage gestellt bzw. deutlich relativiert.
„Nach der ‚Continuing Bonds‘-Theorie (Klass u.a. 1996; Neimeyer 2001) besteht eine wesentliche Funktion von Trauer darin, dem Verlust eines geliebten Menschen eine neue Bedeutung zu geben. Es geht damit nicht mehr primär darum, den Verstorbenen ‚loszulassen‘, sondern ihn in die fortbestehende Lebenswelt des Trauernden zu integrieren. In diesem Sinne bietet es sich an, den traditionellen Begriff der̜ ‚Trauerarbeit̜‘ neu und umfassender zu definieren: Trauerarbeit kann auch ein Prozess sein, in dem die Hinterbliebenen eine neue innere Beziehung zu dem Verstorbenen aufbauen.“ (Jungbauer 2013: 59)
In William Wordens entwicklungspsychologisch orientiertem Konzept der Traueraufgaben (zitiert nach Jungbauer 2013: 60) wird den Betroffenen wie den Begleitern zuallererst nahegelegt, zu lernen bzw. dabei zu helfen, den erlittenen Verlust eines unersetzbaren Menschen in seiner Endgültigkeit als Realität zu akzeptieren. Worden unterscheidet Bezug nehmend auf die Continuing Bonds-Theorie verschiedene Traueraufgaben: „Dazu gehört auch eine Neuverortung der verstorbenen Person, um einerseits dauerhaft in Verbindung mit ihr zu bleiben, sich anderseits dem eigenen Leben wieder zuwenden zu können“ (Jungbauer et al. 2013: 60). Eine Möglichkeit der Neuverortung ist eine Tätowierung.
Mit A. (w., 25 Jahre) führe ich ein Interview zu ihren Tattoos. Für mich überraschend erfahre ich, dass das erste Tattoo ein Memorial Tattoo ist – Erinnerung an ihren Großvater:
„... Pfingstrose weil, mein Opa ist 2011 gestorben und er war derjenige, der mich aufs Pferd gebracht hat. Also Pferde schon immer meine große Leidenschaft so. Jedenfalls mein Opa, der mich damals mit zwei aufs Pferd gesetzt hat, war super lieb und ist mir einfach unfassbar in Erinnerung geblieben und ich habe ihn ganz doll lieb. Er hat mir zu meinem letzten, also zu meinem Geburtstag, wo er als letztes existiert hat, hat er mir einen Strauß Pfingstrosen geschenkt. Und seitdem sind Pfingstrosen meine Lieblingsblumen. Und deshalb habe ich mir Pfingstrosen tätowieren lassen. Ja, für meinen Opa und meine Leidenschaft zu Pferden.“ (A. 2025)
Memorial Tattoos erfüllen damit mehrere Aufgaben:
Sie sind eine seelische Stütze in der schwierigen Trauerphase, in der durch den Verlust Ohnmacht und Hilflosigkeit erlebt werden. Das Leben ist auf einmal aus der gewohnten Bahn geworfen, ohne Kontrolle, verbunden mit Gefühlen von Ausgeliefertsein und Handlungsunfähigkeit. Die Entscheidung für ein Tattoo gibt den Tragenden ein Stück weit Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung zurück. „Diese Tattoos sind nicht nur Kunst, sondern auch ein Mittel – ein kleines Stück Kontrolle über unseren Schmerz“ (Meyer 2024).
Das Tattoo ermöglicht Selbstvergewisserung und Wahrung der Erinnerung. Durch die Tätowierung stellen die Tragenden sicher, dass die Verstorbenen nicht vergessen werden und sie über den Blick, das Wahrnehmen des Tattoos, mit ihnen immer in Verbindung treten können. Dieser Kontakt ist losgelöst von einer Verortung wie z.B. auf dem Friedhof oder an anderen Grabstätten. In einer Zeit hoher Mobilität und räumlicher Flexibilität ist das ‚Bei-mir-tragen‘ tröstlich und stärkend.
Der Entscheidungsprozess für ein Tattoo ist gleichzeitig ein Verarbeitungsprozess, für den es kurz nach dem Todesfall noch keine Möglichkeit gibt. In kurzer Zeit müssen unzählige Entscheidungen getroffen werden. Dazu gehören traditionelle Objekte wie Traueranzeige – mit Foto oder Lebensdaten und Verdiensten - Sterbebilder im christlichen Kontext, Grabstein oder Grabschmuck, Gestaltung von Erinnerungsschmuck, z.B. aus dem Ehering oder Haarlocken der Verstorbenen, bis hin zum Pressen eines Erinnerungs- oder Kremationsdiamanten.
„Dinge, die in unserer Kultur früher üblich waren, wie schwarze Trauerkleidung, sind von Tattoos abgelöst worden“, sagt Norbert Mucksch vom Bundesverband Trauerbegleitung. Tattoos können seinen Worten zufolge in der Trauer helfen und signalisieren: „Ich trauere um einen Menschen und möchte das nicht nur zeigen, sondern möglicherweise auch körperlich spüren, durch den Schmerz beim Stechen des Tattoos.“ (Sokolow 2025)
Mittlerweile bieten traditionelle Beerdigungsinstitute auch Beratung und dazugehörigen Service zu Trauer-Tattoos an, wie z.B. „Tattoo aus Asche - Für immer verbunden und nie vergessen.“ (Bestattungs-Agentur Magdeburg). Die Tattoos unterscheiden sich sichtbar zwar nicht von anderen, die Tinte ist jedoch besonders. Sie enthält neben den gewöhnlichen Farbpigmenten auch Ascheanteile des Verstorben. Oder, wie Bodo Fritsche vom Verein «Leben ohne Dich» aus Mülheim an der Ruhr es formulierte, könne man in manche Trauergruppe gleich einen Tätowierer mitnehmen. „Vor 15 Jahren war das überhaupt kein Thema, inzwischen trägt der Großteil der Elterngruppe ein Tattoo“, so Fritsche weiter, der 18 Jahre lang eine Trauergruppe für Eltern leitete, denen ein Kind verstorben ist. Hier lassen sich auch Eltern tätowieren, die Tattoos bislang ablehnend gegenüberstanden, was die Besonderheit der Funktion dieser Tätowierungen unterstreicht (Sokolov 2025).
Eine andere Art von Memorial Tattoo lerne ich bei C. (w., 26 Jahre) kennen. Ihr Erinnerungstattoo bezieht sich auf ihre Kindheit: „…weil ich auch merke, dass sie (die Tattoos), dadurch dass sie so einen persönlichen Gehalt haben, mir schon auch Stütze sind, wenn es mir mal nicht gut geht. Es sind dann Erinnerungsmarker.“ (C. 2025)
Auf meine Nachfrage, was für sie ein Erinnerungsmarker ist und ob sie ein Beispiel dafür hat, antwortete sie Folgendes:
Das Tattoo ist von C. bewusst gewählt, nicht als Erinnerung an einen Menschen oder Tier, sondern an eine für sie sehr wichtige Lebensphase – die Kindheit. Und über dieses Symbol, die Magnolie, die es real gegeben hat, stellt C. immer wieder eine positive Verbindung zu sich selbst und ihren Eltern her. So wie die Kindheit nicht auflösbar ist, ist auch das Tattoo nicht auflösbar und zeigt C. auf ihrer Haut, was ihr wichtig ist.
Memorial Tattoos sind mittlerweile ein fester Bestandteil des Tattoo-Angebotes und der Tattoo-Tradition. Erinnerungstattoos erscheinen in der heutigen Form seit etwa 1900 im Kontext von Inhaftierung und später Militär. Dort sind sie bis heute stark verbreitet, ob als Erinnerungen an gefallene Kameraden, Kameradschaft, Kämpfe oder Einsätze. Die Kommunikationsmöglichkeit mittels Tattoos wird genutzt, um sie bspw. auf Websites oder in den sozialen Medien zu teilen, sie zu kommentieren oder dadurch zu kommunizieren. Trauer und dazugehörende Symbolik in Form von Tattoos haben damit ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden und sich einen festen Platz in den Selbstgestaltungsmöglichkeiten der Trauerbewältigung erobert.
Literaturliste:
Bubmann Peter, Roser Traugott (Hrsg.) (2025): (Un-) Endlich Leben, Tätowierung als leibliche Kommunikation, Schriften zur kritischen Lebenskunst, Berlin: J.B. Metzler, S. 85-92. Bestattungs-Agentur Magdeburg. URL: https://www.bestattungs-agentur.de (Zugriff: 11.08.2025).
Fricke, Jan Oliver (2025): Bodyartnet - Tattoo & Trauer-Tattoos für Verstorbene: Kreative Ideen & Bedeutung im Gedenken an deine Lieben. URL: https://www.bodyartnet.com/trauer-tattoos-ideen-bedeutung-und-gedenken-an-geliebte-verstorbene/ (Zugriff: 11.08.2025).
Jungbauer, Johannes (2013): Trauer und Trauerbewältigung aus psychologischer Perspektive. In: Ders./Krockauer, Rainer (Hg.): Wegbegleitung, Trost und Hoffnung. Interdisziplinäre Beiträge zum Umgang mit Sterben, Tod und Trauer (Schriften der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen Bd. 18), 49-70.
Meyer, Elisa (2024): Tattoo für Verstorbene – wie wir geliebte Menschen mit Tattoos verewigen, Archzine. URL: https://archzine.net/lifestyle/tattoo-ideen/ (Zugriff:11.08.2025)
Sokolow, Anja (2025): Trauer-Tattoos: Schmerz, der unter die Haut geht, dpa. URL: https://traueranzeigen.suedkurier.de/ratgeber/trauerhilfe/479_Trauer-Tattoos-Schmerz-der-unter-die-Haut-geht.html/(Zugriff: 11.08.2025)
Gesprächs-Protokolle:
Küspert A. mit A., Würzburg, 28.06.2025.
Küspert A. mit C., Würzburg, 02.08.2025.
Text: Luisa Jung
Während in der europäischen Geschichte Tätowierungen zunächst als stigmatisiertes Zeichen von marginalisierten Gruppen wie Kriminellen, Jahrmarkts- Performer/innen oder Seefahrern galten (Benson 2000), sind sie seit den 60er - und 70er- Jahren mehr ein Zeichen des individuellen Ausdrucks geworden. Durch diese Art der Körpermodifizierung wird nicht nur die Individualität betont, sondern es führt auch zur dezidierten Identitätsbildung durch eine sichtbare Abgrenzung zu anderen - was das Konzept der Alterität beschreibt. (Thielsch 2021) Es kann also nur Individualität entstehen, wenn es ein „Anderes“ gibt. Neben dem Gefühl der Individualität, das beim Tätowieren entsteht, ist es auch ein bedeutendes Abbild von Erinnerungskultur.
Ulrike Landfester erwähnt in ihrem Beitrag: „Tätowierung als Erinnerungsfigur“ die „[...]Ambivalenz zwischen Wunderfahrung und lesbarem – archivierendem - Zeichen [...]“ (Landfester 2005: 83-98). Dabei geht es in erster Linie um das Tattoo als Ausdruck von Erinnerung und nicht um das zukunftsgerichtete Stiften von Identitäts- oder Individualitätsgefühl. Tätowierungen als Erinnerungsmarker zeigen sich auch auf dem Körper des ehemaligen Seefahrers FKJ. Aus seiner Seefahrtszeit in den 60ern/Anfang der 70er-Jahre trägt er zwei sichtbare Tattoos, welche nicht mit den Intentionen der typischen Seefahrer-Tätowierungen oder der Identitätsstiftung durch Abgrenzung entstanden sind. Die noch heute gut sichtbaren Tattoos an Fußknöchel und Handgelenk waren damals eine Form von Lebenshilfe, da sie in dem Moment unmittelbar zum Verarbeiten von Erlebtem dienten. Die Erfahrung hinter dem Tattoo am Handgelenk biete dabei ein geeignetes Beispiel, um diese Art von Tattoos als Bedeutungsträger greifbar zu machen.
Mit Farbe unter der Haut wieder sich selbst bestimmen
Das Erlebnis hinter der Tätowierung als solches ist sehr prägend für FKJ. Er sowie zwei weitere Kameraden werden nachts, während einer von jugendlicher Naivität getriebenen Aktion an Land, durch die Polizei vor Ort in Gewahrsam genommen. Niemand der drei kann sich ausweisen. So werden sie aus der vorläufigen Verwahrungszelle herausgeholt, um mit einem Gerät, ähnlich wie eine Nähmaschine auf dem festgehaltenen Arm eine Erkennungsnummer unter die Haut am Handgelenk eingraviert zu bekommen. Diese Tätowierungen sind gut sichtbar und erinnern so ständig an den fremdbestimmten Eingriff und die aufgezwungene Markierung. Erst am dritten Tag werden die jungen Männer schließlich von ihrem Schiffskapitän ausgelöst, und kommen so zurück an Bord der Mai Rickmers – mit einem unfreiwilligen neuen Tattoo (FKJ 2025).
Das Handwerk des Tätowierens dient in diesem Moment als Technik zum Überstechen und Ablegen von dem, was bzw. wer ihm da „aufgestempelt wurde“. Die Nummer ist das Symbol eines Ereignisses, was der damals 18-Jährige „so schnell wie möglich vergessen“ (FKJ 2025) möchte. Es dient demnach der Überdeckung eines Stigmas, was ihm im Gefängnis unfreiwillig aufgestempelt wurde. Erving Goffman beschreibt die Täuschung als Technik der Bewältigung beschädigter Identität (Goffman 2016: 149-167).
Tätowierungen als Lebenshilfe
Aus der Erzählung FKJs lässt sich somit herausarbeiten, wie die Tätowierung des Schmetterlings als kollektiver Akt ein Mittel zur Verarbeitung von Erlebten darstellt. Es verändert den Bezug zum Erlebten nicht erst in Retrospektive sondern wird in der Konfrontation sowie im Umgang transformiert. Die Identitätsbildung, die mit dem Tätowieren stattfindet, bezieht sich hierbei nicht nur auf die Abgrenzung vom Anderen oder dem Ausdruck von Individualität, sondern liefert auch die Technik zur selbstständigen, unmittelbaren Erlebnisverarbeitung. Sich den eigenen Körper mit einem eigens gewählten Symbol zu verzieren, ohne grundlegend dabei auf Ästhetik oder Wirkung nach außen zu achten, ist identitätsstiftend aber eher im Begriff der eigenen Erinnerungskultur und der Selbstwirksamkeit, die dadurch gelebt wird. So können Tätowierungen viel mehr als reine „Mode“ oder das Bedürfnis nach Individualität sein. Hier geben sie sich vielmehr als nachhaltige Lebenshilfe zu erkennen.
Quellen- und Literaturverzeichnis:
Interviews:
FKJ, Interviewpartner, ehemaliger Seefahrer. Bayreuth, Interview am 29.07.2025
Literatur:
Abels, Heinz. 2(2010): Identität. Wiesbaden.
Benson, Susan (2000): Inscriptions of the self: Reflections on tattooing and piercing in contemporary Euro-America. In: Caplan, Jane (Hg.): Written on the body. Princeton/New Jersey: 243-254.
Landfester, Ulrike (2005): Gestochen scharf. Die Tätowierung als Erinnerungsfigur. In: Borgards, Roland (Hg.): Schmerz und Erinnerung. Paderborn: 83-98.
Thielsch, Angelika (2021): Alterität im Dorsch Lexikon der Psychologie. Hogrefe. URL:https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/alteritaet (Zugriff: 12.09.2025).
Text: Nicholas Cudd
Was bleibt, wenn Worte versagen?
Manche schreiben Tagebuch, andere schweigen – und wieder andere lassen sich tätowieren. Auf Haut gestochen, tief unter der Oberfläche verankert, erzählen Tattoos Geschichten, die nicht vergessen werden sollen. Sie sind oft mehr als reiner Körperschmuck: Sie sind Bekenntnisse, Narben der Erinnerung oder auch Symbole der Rebellion wie die Person Jim Morrison, der sich selbst zur Legende machte – zwischen Exzess, Poesie, Protest und Depression. Tattoo-Geschichten wandern unter die Haut und damit in das Zentrum persönlicher Biografien. Warum wählt ein Mensch genau dieses Motiv? Was erzählt es über das Verhältnis von Körper und Geist bzw. Erinnerung? Und wie wirkt ein solches Tattoo – über den Moment hinaus – in den Alltag, in die Identität, in die Zeit? Dieser Aufsatz geht diesen Fragen und Themen wie Anderssein, Rebellion und Freiheitssehnsucht nach.
Jim Morrison – Tattoo als subkulturelles Symbol von Freiheit und stilisierter, ästhetischer Abgrenzung
Diese Form der doppelten Codierung verweist auf ein zentrales Merkmal subkultureller Kommunikation: Zeichen, die nach außen wenig verraten, aber innerhalb der Gruppe hochbedeutsam sind. Subkulturtheoretisch ist das Tattoo eingebettet in eine Tradition, die Dick Hebdige als „Widerstand durch Stil“ (Hebdige 1979: 100ff) beschreibt: In Subkulturen wird das eigene Anderssein durch Kleidung, Musik, Gesten – und eben auch durch Tätowierungen – ausgedrückt. Diese Zeichen sind ästhetische Formen der Kritik, oft ironisch, immer jedoch intentional (Hebdige 1979: S. 95ff). „The Doors stehen für mich für Freiheit, Inspiration und Distanz zum Rest der Gesellschaft. Einfach anders sein.“ Diese Formulierung bringt auf den Punkt, was das Tattoo performativ leistet: Es ist Agent einer Selbstpositionierung als Außenseiterin, als jemand, der sich bewusst gegen Konventionen stellt. Das Tattoo wirkt zudem biografisch ordnend: Es verleiht einer prägenden Phase nicht nur rückblickend Sinn, sondern konserviert eine Haltung für die Zukunft. Es formt Identität über die Zeit hinweg, aktualisiert sie, wenn nötig, und dient als innerer Anker.
Wenn Worte nicht reichen: Tattoos erzählen weiter
„Was bleibt, wenn Worte versagen?“ So begann dieser Aufsatz. Das Jim-Morrison-Tattoo antwortet auf diese Frage in gestochenem Schwarz. Es erzählt vom Wunsch nach Freiheit, nach Selbstbestimmung, nach Anderssein. Jim Morrison steht in diesem Kontext für das Nicht-Dazugehören, für komplexe Subjektivität, für den Widerstand gegen das vermeintlich Gegebene. Dabei wird deutlich: Dieses Tattoo ist nicht nur Zeichen, sondern wirkt aktiv auf das Selbstbild und ermöglicht zugleich eine Abgrenzung und Zugehörigkeit. Es ist ein narrativer Anker, der emotionale Zustände konserviert und zukünftige Handlungsimpulse steuert. Die Entscheidung für solch ein Tattoo-Motiv ist dabei niemals nur dekorativ. Sie ist ästhetische Haltung, kulturelle Positionierung, biografische Selbstvergewisserung und ein Bestandteil einer Lebensphilosophie.
Literatur
Fenske, Michaela (2020): Agency. In: Heimerdinger, Heike/Tauschek, Markus (Hg.): Kulturtheoretisch argumentieren. Ein Arbeitsbuch für die Kulturanalyse. Münster/New York: Waxmann, S. 61-76.
Hebdige, Dick (1979): Subculture: The Meaning of Style. London/New York: Routledge.
Lehmann, Hartmut (1978): Erzählen eigener Erlebnisse im Alltag. In: Zeitschrift für Volkskunde 74, S. 198-215.
Meyer, Silke (2014): Was heißt Erzählen? Die Narrationsanalyse als hermeneutische Methode der Europäischen Ethnologie. In: Zeitschrift für Volkskunde 110/2, S. 243-267.
Text: Iulia Maria Sanda
| Cindy Ray, auch bekannt als Bev Nicholas, war eine australische Künstlerin und Pionierin der Tattoo-Kunst. Zu Beginn ihrer Karriere diente sie als Canvas für ihren Freund, für den sie im Alter von 19 Jahren als “Leinwand“ seiner Kunst eingesetzt wurde. In den 1960er Jahren reiste das Paar durch Australien, und Bilder von Cindys tätowiertem Körper wurden international verbreitet (Mifflin 2013: 27). Als ihr Freund sich den Arm brach, begann Cindy selbst zu tätowieren – ein Schritt hin zu eigener künstlerischer Kontrolle über sich. Zuvor hatte sie nur wenig Einfluss auf die Verwendung ihres Körpers als Motivgrundlage und Veranstalter machten sich ihre Bekanntheit zunutze, um Bücher über sie zu veröffentlichen und Einnahmen daraus zu erzielen. Cindy selbst hatte dabei wenig Freude und wurde von Zuschauern oft wie ein Objekt behandelt (Mifflin 2013: 27). |
Später arbeitete und heiratete sie Danny Robinson, der sie tätowierte. Cindy Ray eröffnete ihr eigenes Tattoo-Studio und übernahm die Kontrolle über ihre künstlerische Arbeit. Unter den Spitznamen „The Classy with the Tattooed Chassis“ und „Miss Technicolor“ wurde sie zu einer Ikone der australischen Tattoo-Szene (Mifflin 2013: 27). |
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Ihr Leben illustriert die Kontinuität eines Phänomens, das schon die „Circus Ladies“ des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts prägte: Frauen, die als Attraktionen unterwegs waren, oft stigmatisiert und ausgebeutet wurden und dennoch Wege fanden, sich selbst zu behaupten (Mifflin 2013: 11–13). Cindy Ray steht damit exemplarisch für die Verbindung von Objektifizierung, gesellschaftlicher Stigmatisierung und Selbstbestimmung in der Welt der Sideshow- und Tattoo-Kunst.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen:
ABC News (2015, 20. Mai): Sasha Koloff: The Tattooed Lady. URL: https://www.abc.net.au/news/2015-05-20/meet-australias-first-tattooed-lady/6483696 (Zugriff: 12.09.2025).
The Saturday Paper. (2015, 21. Februar). Painted Lady: Cindy Ray and the tattoo scene in Australia URL: https://www.thesaturdaypaper.com.au/2015/02/21/painted-lady/14244372001503 (Zugriff: 12.09.2025).
Literatur:
Goffman, Erwin (1980): Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main.
Koslofsky, Craig/Dauge-Roth, Katherine (Hg.) (2023): Stigma: Marking Skin in the Early Modern World. University Park.
Mifflin, Margot (2013): Bodies of Subversion: A Secret History of Women and Tattoo, Third Edition.
Text: Ronja Saupe
Wie und warum wird man eigentlich Tätowierer*in und wie findet man seinen eigenen Stil? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich mich Julia Mann zum Interview verabredet. Sie ist Tätowiererin und hat sich auf die Technik des Fineline Handpoking spezialisiert. Eine Technik, bei der mit der Hand Design mit sehr dünnen und glatten Linien Punkt für Punkt tätowiert werden (Lara 2020).
Den ersten Kontakt zu Tattoos hatte Julia bereits mit 14 Jahren, als sie, da sie bekannt dafür war gut zeichnen zu können, gefragt wurde, ob sie ein Tattoomotiv entwerfen könnte, das einzigartig war. Nachdem Julia für weitere Bekannte Tattoo-Motive gezeichnet hatte, wurde ihr schnell klar, dass sie Tätowiererin werden wollte. Mit 18 kaufte sie sich ihre erste Tätowiermaschine – eine Spulenmaschine, wie sie typischerweise für traditionelle Tattoos mit dickeren Linien und kräftigen Kontrasten verwendet wird. Mit dieser Art von Tätowier-Maschinen war sie jedoch nicht glücklich. Diese Geräte sind oft wuchtig und daher unhandlich, was im Kontrast zu ihrer sensiblen Art und künstlerischen Herangehensweise steht.
| Erst 10 Jahre nach ihrer ersten Tattoo-Zeichnung wurde sie auf Handpoking aufmerksam. Für diese Technik werden im Gegensatz zum konventionellen Tätowieren die Nadeln ohne Maschine verwendet. Julia erzählte mir, dass sie sich bereits nach ein paar Stichen auf der Kunsthaut so sicher damit fühlte, dass sie auf ihren Arm gewechselt hat. Sie beschreibt das Setzen der einzelnen Punkte mit der Hand als meditativ. Es vermittelt ihr das Gefühl, ein Handwerk auszuüben und gab ihr schnell die Sicherheit, mit dieser neuen Technik Kunden zu tätowieren. |
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| „Viele der Menschen, die zu mir kommen, haben persönliche symbolische und ihnen wertvolle Erinnerungen dabei“, so Julia (Mann 2025). Durch das Stechen mit der Hand nimmt sie sich auch bei kleinen Motiven viel Zeit für die Tätowierung. Keine lauten Geräusche lenken während des Stechens ab und man kann sich ungestört über die Bedeutung des Gestochenen unterhalten. Sie erzählt, dass die Kunden so auch Erlebtes verarbeiten können. Dass sie ihre Kundschaft oft mehr als einmal sieht, ist für sie eine Bestätigung, bei der Technik zu bleiben (Mann 2025). |
Quellenverzeichnis:
Lara: Hand Poked Tattoos. Düsseldorf 2020. URL: https://www.mytattoo.com/de/blog/hand-poked-tattoos/ (Zugriff: 12.01.2026).
Julia Mann. Handpoking Tattooartist, Würzburg, Interview am 29.07.2025.














Abbildung 1: 

