Flusswelten. Das Leben an, mit und auf dem Main.
Im Sommersemester 2025 haben Studierende der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft unter der Leitung von Pearl-Sue Carper M.A. und PD Dr. Sebastian Dümling den Main als NaturenKulturen-Raum ethnografisch erforscht. In dieser digitalen Ausstellung präsentieren wir die Forschungsergebnisse, die dabei entstanden sind. Viel Spaß bei der Lektüre!
Unsere Ausgangsfrage war: Wie lässt sich ein Fluss kulturwissenschaftlich denken? Nicht nur als Wasserstraße, nicht nur als Naturraum – sondern als verschränkendes Beziehungsgeflecht, in dem sich menschliche und nicht-menschliche Akteure begegnen, in dem sich ökologische, ökonomische und kulturelle Prozesse überlagern, in dem lokales Wissen weitergegeben und neu verhandelt wird. Der Main als NaturenKulturen-Raum verbindet schließlich Landschaften, Lebensweisen, Geschichten miteinander: historische Flößerei und Binnenschifffahrt, gegenwärtige Freizeitpraktiken und ökologische Umbrüche.
Mehrere Exkursionen – nach Frankfurt am Main, nach Wörth am Main, nach Aschaffenburg entlang der Mainschleife – bildeten den ethnografischen Kern des Seminars. Die Studierenden führten dies in eigenen Forschungen weiter, indem sie Main-Akteur:innen folgten, Fluss-Objekte sammelten, Ufer-Räume dicht beobachteten – und dabei den vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen, Fluss und Umwelt nachgingen.
Die so entstandenen Arbeiten zeigen die Bandbreite kulturwissenschaftlicher Zugänge: Eric Fleming fragt nach unsichtbaren Männlichkeiten in der Binnenschifffahrt. Hannah Funke untersucht Körperpraktiken beim Pararudern. Susanne Glaesemer-Seiler folgt der Würzburger Fischerzunft zwischen Zunfttradition und ökologischer Verantwortung. Anna Krippner begreift den Main als „dritten Ort" studentischen Lebens. Markus Lüske dokumentiert das Immaterielle Kulturerbe des Mainfährenbetriebs. Multi-Spezies-ethnografisch arbeiten Judith Misch zu Entenvögeln im urbanen Raum und Iulia-Maria Sanda zu privaten Gärten als Biodiversitäts-Refugien. Julia Walter schließlich analysiert Resilienzstrategien gegenüber Hochwasser.
Diese digitale Ausstellung lädt ein, den Main neu zu entdecken: als Lebensraum, Arbeitsplatz, Sehnsuchtsort, Erinnerungslandschaft.
Pearl-Sue Carper & Sebastian Dümling
Der Main ist voller Bewegung. Frachtschiffe ziehen durch Städte und Landschaften, Motoren brummen, Wellen rauschen. Doch wer sich umsieht, merkt schnell: Die Menschen an Bord sind kaum sichtbar. Es sind zum Großteil Männer, die unsere Frachten über die Wellen des Mains tragen – und ich fragte mich, in welchem Verhältnis sie zu sich, ihrem Mannsein und ihrer Arbeit stehen – und: Welche Bilder dieser Männlichkeit werden bis ans Ufer getragen? Dabei stieß ich vor allem auf eine Sache: Leere. Der Binnenschiffer bewegt sich in einem Spannungsfeld schierer Unsichtbarkeit, während der Ausdruck seines Berufs, das Schiff, majestätisch über den Fluss gleitet, gesehen und bewundert.

Abb. 1: Skizze der Atmosphäre am Mainufer mit kleinem stilisierten Frachter. Das Schiff dominiert den Fokus, die Matrosen sind nur Schemen auf einer „maskulinen Entität in weiblichem Wasser“. (Zeichnung: Eric Fleming)
Auf dem Fluss stehen Schiffe und Maschinen im Mittelpunkt. Motoren, Frachter und eiserne Gehäuse verdecken die Menschen, die an Steuerrädern und Decks arbeiten. Sie erscheinen oft nur am Rand – als alte Fotografien von Werftarbeitern oder in Zeitungsartikeln mit Impressionen aus dem Steuerhaus. Aber das Schiff bleibt in jeder Weise zentral für die Identität des Binnenschiffers, sodass es nicht verwundert, wenn der Schiffskörper in seiner Weise – in meinen eigenen Empfindungen so kräftig, ruhend, eisern – die medial und fantastisch dargestellte Männlichkeit des rauen Seemanns reproduziert. Es entsteht ein Kreislauf stiller Identifizierung, die sich in übertragenen Idealen von Kraft und Ruhe äußert, die der Schiffer dem Boot entgegenbringt und wieder zurückerhält. Das Schiff ist aber auch ein Panzer in einer Flut, die Gefahr bedeuten kann. Das Schiff wird zur technischen Erweiterung des menschlichen Körpers und hüllt sich bestimmend in männliche Ideale von Kraft, Verantwortung, Stoß und Schutz (Theweleit 1982: 443-508).
Wir gehen Bindungen mit den Objekten um uns ein, auch mit der Technik, die unser Leben maßgeblich prägt. Das Schiff steht sinnbildlich für Werte und geschlechtliche Normen, die von einem Menschen, der mit ihm in Verbindung steht, eingehalten und gelebt werden, ohne dass dies besonders im Bewusstsein verankert wäre (Hall 2003: 1-19). Im Gespräch mit einem jungen Mann in Ausbildung zum Binnenschiffer hörte ich von einem lebendigen Gemeinschaftssinn, körperlicher Fitness und einer tiefen Liebe zum Wasser. Aber auch von Wutausbrüchen, einem rauem Umgangston und nicht zuletzt: einem männlich zentrierten Frauenbild. Es ist ihm keine Unerklärlichkeit, dass der Beruf des Binnenschifffahrers nach wie vor ein männlicher ist, in welchem andere Geschlechtlichkeiten nur selten perfomiert werden (Connell 2020: 64-66). Der Seefahrer, in seiner Essenz, ist Mann, auch im Verständnis des jungen Schiffers, selbst wenn er dem kritisch gegenübersteht.
Die Maschine in ihrer Kraft, in ihrer Kälte und Kalkuliertheit, in ihrer Materialität und ihrer Präzision: Sie steht in direkter Beziehung zu unserem gesellschaftlichen Männerbild. Und das Schiff trägt nicht nur seine Matrosen, sondern auch deren Mannsein in sich.
Literaturverzeichnis
Ahmed, Sara (2004): Affective Economies. In: Social Text, Vol. 22/2, 2004, S. 117-139.
Connell, Raewyn (2020): Masculinities. Routledge, London/New York, 2020 [1995], 2. Aufl.
Hall, Stuart (2003): Representation. Cultural Representations and Signifying Practices. Sage Publications, London, 2003, 7. Neudruck [1997].
Theweleit, Klaus (1982): Männerphantasien 1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte. Rowohlt, Hamburg, 1982 [1980].
Quellenverzeichnis
Forschungstagebuch Fleming, Eric; August 2025 Mainufer Würzburg, Erlabrunn, Aschaffenburg
Interview am 29.08.2025: Menschy. Reddit.
Schifffahrt wird weiblicher – doch der Wandel braucht Zeit. Internationaler Tag der Frauen in der Seeschifffahrt am 18. Mai 2025. In: Verband Deutscher Reeder. 16.05.2025. URL: https://www.reederverband.de/de/schifffahrt-wird-weiblicher-doch-der-wandel-braucht-zeit (letzter Zugriff:15.09.2025)
Fleming, Eric. Skizze der Atmosphäre am Mainufer mit stilisiertem Frachter.
Ein Boot wird auf einem Wagen zum Main gerollt, Hände lassen es gemeinsam zu Wasser, Riemen klacken ein, leichte Wellen kräuseln sich in der Seitenbucht des Mains. Einmal pro Woche trifft sich die Pararudergruppe, um gemeinsam zu rudern und beisammen zu sein. Was auf den ersten Blick „nur“ nach Sport aussieht, ist viel mehr: Es geht um Gemeinschaft, um vertraute Routinen, die den Ruderalltag strukturieren.

Abb. 1: Die Ruder:innen bereiten den Vierer zur Abfahrt vor: ein Ruderboot, in dem vier Ruder:innen und eine Steuerfrau oder ein Steuermann Platz haben. Gerudert wird mit Riemen (Ruder), d.h. jede Person hat einen langen Riemen. (Foto: Funke, Hannah: Ruderboot am Steg. 6. August 2025).
Wer rudert, erlebt etwas, wie mir ein Mitglied der Gruppe in einem Interview erzählt: „Du bist ja nie auf dem Main, weißt du? Du erlebst ja nicht was da auf dem Main los ist“ (Interview am 13. August 2025 mit Jan und Dietmar, Mitglieder des Pararudervereins)1. Der Main ist nicht nur landschaftliche Kulisse beim Rudern, sondern wird durch die Tätigkeiten des Pararuderns lebendig – durch den synchronen Rhythmus der Ruder aber auch durch Unberechenbarkeiten des Wetters oder durch Schiffe, die das Mainwasser aufwühlen und die Ruder:innen zu Vorsicht zwingen. So entsteht eine belebte Szenerie, die durch die Handlungen der Ruder:innen und auch durch Wetter und Schiffe immer wieder neu geformt wird (Ingold 2011). Der Main wird zu einem sozialen Raum, in dem neben sportlicher Ertüchtigung auch Zusammenhalt und Gemeinschaft erfahrbar werden.

Abb. 2: Ein Lifter, der am Steg befestigt werden kann, erleichtert manchen Pararuder:innen den Einstieg in das Ruderboot. (Foto: Funke, Hannah: Lifter am Steg. 6. August 2025).
Der Grundgedanke von Inklusion der Pararudergruppe, die Teil des Akademischen Ruderclubs Würzburg ist, zeigt sich in der alltäglichen Praxis: Behinderung ist in die Routinen des Ruderns eingebettet und wird dadurch innerhalb der Gruppe kaum thematisiert (Feldprotokoll: Rudertreffen Ende Juni von Hannah Funke, 25. Juni 2025). Ein Lifter kann beim Einstieg in das Ruderboot helfen – ein technisches Detail, das Barrieren verschwinden lässt und allen die Teilhabe ermöglicht. Je nach Situation spielt Behinderung eine Rolle oder verliert sich in den gemeinsamen Routinen, den Rhythmen der Ruderpraxis (West/Fenstermaker 1995).

Abb. 3: Vier Gruppenmitglieder rollen zusammen das Ruderboot auf einem Wagen zurück in die Halle. (Foto: Trainer: Ruderboot wird aufgeräumt. 3. September 2025).
Wenn das Boot nach dem Rudern wieder aufgeräumt wird, zeigt sich, dass Pararudern mehr ist als nur eine gemeinsame Fahrt auf dem Main. Es ist Teil eines größeren Geflechts: Schiffe, technische Hilfsmittel, Wasser und Menschen interagieren und greifen ineinander (Degele/Simms 2004). Auch unerwartete Gäste mischen mit, wie ein Mitglied der Gruppe erzählt – Nilgänse verschmutzen gelegentlich den Steg und durchkreuzen so den Ruderalltag oder aber eine zunehmende Anzahl von Schwimmer:innen in den Sommermonaten erfordert große Aufmerksamkeit auf dem Main (Interview am 13. August 2025 mit Jan und Dietmar, Mitglieder des Pararudervereins). Pararudern zeigt sich so als ein Geflecht, in dem Mensch, Natur, andere als menschliche Lebewesen und zum Beispiel Schiffe zusammenwirken.
Mit dem Main erwächst eine Flusswelt, die zugleich eine soziale Welt ist, getragen von Begegnungen, sportlichen Rhythmen und geteilten Momenten.
Quellenverzeichnis
ARCW (o.J.): Inklusion im Ruderboot. URL: https://www.row2015.de/Inkl.html. (Letzter Zugriff: 10.09.2025).
Deutscher Ruderverband (o.J.): Bootsklassen. URL: https://www.rudern.de/sportart-rudern/zahlen-fakten/bootsklassen#rudern-tab--288fc9cf86889e3d7480ed7c7e8a51c6. (Letzter Zugriff: 11.09.2025).
Feldprotokoll: Rudertreffen Ende Juni von Hannah Funke, 25. Juni 2025.
Interview am 13. August 2025 mit Jan und Dietmar, Mitglieder des Pararudervereins.
Literaturverzeichnis
Degele, Nina/Simms, Timothy (2004): Bruno Latour (*1947). Post-Konstruktivismus pur. In: Hofmann, Martin Ludwig/Korta, Tobias F./Niekisch, Sibylle (Hg.): Culture Club: Klassiker der Kulturtheorie. Frankfurt am Main. S. 259–275.
Ingold, Tim (2011): The temporality of the landscape. In: The Perception of the Environment: Essays on livelihood, dwelling and skill. London u.a. S. 189–208.
West, Candace/Fenstermaker, Sarah (1995): DOING DIFFERENCE. In: Gender & Society 9/1, S. 8–37. URL: https://doi.org/10.1177/089124395009001002. (Letzter Zugriff: 01.09.2025).
*Die Namen der Forschungspartner:innen wurden pseudonymisiert.
Zünfte gelten oft als Relikte des Mittelalters, die mit der Industrialisierung verschwanden. Doch einige haben überlebt und sich an die Gegenwart angepasst. Die Würzburger Fischerzunft ist eine davon.
Ihre Ursprünge reichen nach eigener Überlieferung angeblich bis ins Jahr 1010 zurück, urkundlich belegt ist sie seit 1279 (Brod et al. 2010). Was einst als Berufsorganisation der Mainfischer entstand, lebt heute als Verein weiter. Eine besondere Regel gilt: ordentliches Mitglied werden kann nur, wer aus einer alten Würzburger Fischerfamilie stammt.
Diese genealogische Bindung prägt die Zunft als besondere Gemeinschaftsform. Alte Fischerfamilien ziehen sich über Jahrhunderte durch das seit 1691 geführte Protokollbuch. Mit „Du hast das Glück hier reingeboren zu sein", beschreibt der aktuelle Obermeister die Mitgliedschaft als Privileg (Interview Obermeister, 12.07.2025). Solche Traditionsgemeinschaften zeigen, wie Vergangenes vergegenwärtigt und als verbindlich markiert wird, jedoch nicht statisch, sondern in einem dynamischen Anpassungsprozess.
Im Zunfthaus wird ein wertvolles Objekt aufbewahrt: ein silberner Willkommenspokal von 1650 in Karpfenform. Der abnehmbare Kopf dient noch heute als Trinkgefäß, wenn bei Neuaufnahmen ein Ehrentrunk gereicht wird (Teilnehmende Beobachtung, 06.07.2025). Der Karpfen überstand sogar die Bombennacht vom 16. März 1945. Der damalige Obermeister rettete ihn zusammen mit Fahne und Protokollbuch, indem er sie in einen Schelch lud und aus der brennenden Stadt ruderte. So verbindet der silberne Karpfen Vergangenheit und Gegenwart: Er ist historisches Zeugnis, lebendiges Ritual und Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft. Solche materiellen Objekte demonstrieren die Macht der Vergangenheit (Smith 2022) in der Gegenwart und machen kulturelle Kontinuität physisch erfahrbar.

Abb.: 1 Silberner Karpfen von 1650 Willkommenspokal der Fischerzunft mit abnehmbarem Kopf als Trinkgefäß. (https://www.fischerzunft-wuerzburg.de/images/Spitaele05G.jpg).

Abb.: 2 Im Zunftsaal: Mitglieder der Fischerzunft in Tracht mit Prozessionsstangen und Fahne (Susanne Glaesemer-Seiler, 06.07.2025).
Doch die Zunft versteht sich nicht nur als Hüterin der Vergangenheit. Während der Main einst als fischreichstes Gewässer Deutschlands galt, kämpft er heute gegen Wassererwärmung und ökologische Belastungen. Mit „Mahnen, Finger hoch“ beschreibt der Obermeister eine der aktuellen Hauptaufgaben: die Stimme für den Fluss zu erheben (Teilnehmende Beobachtung, 06.07.2025; Interview Obermeister, 12.07.2025). Diese neue Rolle wird mit zeitgenössischen Ansätzen einer „relationalen Anthropologie" beschreibbar, die Menschen, Tiere und Umwelt als verflochtenes System begreift (Welz 2021: 37).
Mit jährlich 40.000 Euro Fischbesatz übernimmt die Zunft praktische Verantwortung. Sie beteiligt sich auch am Projekt Naturheilinsel, bei dem ein Altmainarm als Rückzugsort für Fische revitalisiert werden soll. Hier zeigt sich, wie sich die Zunft von einer traditionellen Interessensvertretung zu einer Institution mit starkem Umweltbezug entwickelt (Interview Obermeister, 12.07.2025).

Abb.: 3 Mitglied der Fischerzunft beim Fischbesatz (Bild bereitgestellt von Fischerzunft Würzburg).

Abb.: 4 Schlammentnahme zur Probe im Rahmen des Projekts „Naturheilinsel“ (https://www.facebook.com/FischerzunftWuerzburg).
Quellenverzeichnis:
Interview mit dem Obermeister der Fischerzunft Würzburg, 12.07.2025, Susanne Glaesemer-Seiler
Teilnehmende Beobachtung im Zunftsaal, 06.07.2025, Susanne Glaesemer-Seiler.
Brod, Walter M./ Wondrak, Peter/ Gorzolka, Matthias (2010): Zunft und Fisch. 1000 Jahre Fischerzunft Würzburg. Würzburg: Echter.
Fischerzunft Würzburg: https://www.fischerzunft-wuerzburg.de (14.09.2025).
Literaturverzeichnis:
Welz, Gisela (2021): More-than-human Futures. Towards a Relational Anthropology in/of the Anthropocene. In: Hamburger Journal für Kulturanthropologie (HJK), 13. S. 36-46.
Smith, Laurajane (2022): Heritage, the power of the past, and the politics of (mis)recognition. In: Journal for the Theory of Social Behaviour, 52(4). S. 623-642.
Abb.1: Main von der Brücke. Foto: Anna Krippner, 14.09.2025.
An der Universität Würzburg sind im Sommersemester 2025 knapp 25000 Studierende eingeschrieben (Julius-Maximilians-Universität Würzburg 2025b). Um weiterhin so viele Studierende verzeichnen zu können, wirbt die Universität auf ihrer Webseite mit den Vorzügen Würzburgs als Universitätsstandort um Studienanfänger:innen - zum Beispiel mit der Lage am Main (Julius-Maximilians-Universität Würzburg 2025a) (Abb. 1), mit den Zellerauer Mainwiesen zur rechten und der Mainpromenade und dem Alten Kranen zur linken. Doch welche Funktion hat der Main tatsächlich im studentischen Leben in Würzburg?
Mit Fragen zum studentischen Leben beschäftigt sich in der Empirischen Kulturwissenschaft beispielsweise die Erzählforschung, die sich Geschichten widmet, die Studierende über ihren Alltag und die Universität erzählen – sog. Campus/College Lore: ,,Die Geschichten dienen als Mittel, mit anderen in Kontakt zu kommen und Verbindungen aufzubauen. […] Die Praxis des Erzählens und des Weitergebens von Geschichten über die eigene Universität verbindet Generationen von Student:innen und stärkt die Identifikation mit der Alma Mater.“ (Meyer 2023: 126).
Um einen Einblick zu erhalten, wie Studierende in Würzburg den Main erleben, wurden Interviews mit mehreren Studierenden durchgeführt und anschließend ausgewertet (Spiritova 2014: 120f). In den Interviews wurden die Teilnehmenden gebeten, Anekdoten, Momente und Erfahrungen aus ihrem Universitätsleben wiederzugeben, in denen der Main eine zentrale Rolle spielt. Die erzählten Flussgeschichten und somit die Erlebnisse mit und um den Main ließen sich in vier Kategorien einordnen: Sozialleben und Freunde, Entspannung, Essen, und Sport. Außerdem wurden die Webseite der Universität und die social media-Auftritte mehrerer Fachschaftsinitiativen in Hinsicht auf Flusserzählungen über das studentische Leben untersucht.
Auf dieser Basis lässt sich die Funktion des Mains im studentischen Leben als dritter Raum bezeichnen im Sinne R. Oldenburgs. Sein Konzept des dritten Raumes beschreibt Räume des öffentlichen Lebens, die außerhalb des Wohnens und Arbeitens stattfinden (Oldenburg 1997: 16). Ein dritter Ort verfügt etwa über folgende Eigenschaften (Oldenburg 1997: 20-42): Er ist inklusiv und zugänglich (z.B. keine Zugangsbeschränkung durch Mitgliedschaft oder Eintritt), und seine Hauptfunktion ist der soziale Austausch. An einem dritten Ort können Kontakte geknüpft, Erfahrungen gesammelt und Ausgleich zu den Verpflichtungen von Arbeiten und Wohnen gefunden werden kann (Oldenburg 1997: 43f.). Der Main bietet einen kostenlosen, gut erreichbaren öffentlichen Raum, in dem Studierende der Universität Würzburg sich mit Freund:innen treffen, sich entspannen, und Sport treiben können - ein dritter Ort abseits von Vorlesungssaal und Bibliothek.
Quellenverzeichnis
Julius-Maximilians-Universität Würzburg: Studieren in Würzburg: Warum du dich für die Uni Würzburg entscheiden solltest!. Da studieren, wo andere Urlaub machen!. 24.02.2025. URL: https://www.uni-wuerzburg.de/universitaet/studieren-in-wuerzburg/ (Zugriff: 14. September 2025).
Julius-Maximilians-Universität Würzburg: Zahlen und Fakten zur JMU. 23.04.2025. URL: https://www.uni-wuerzburg.de/universitaet/zahlen/ (Zugriff: 14. September 2025).
Literaturverzeichnis
Meyer, Silke: Der Sandler im Hörsaal. Gegenwärtige Sagen an der Universität Innsbruck. In: Kuhn, Konrad J./Meyer, Silke/Näser-Lather, Marion/Schneider, Ingo (Hrsg.): Innsbrucker Schriften zur Europäischen Ethnologie und Kulturanalyse. Band 6. Münster 2023, S. 125–139.
Oldenburg, Ray: The Great Good Place. Cafés, coffee shops, bookstores, bars, hair salons and other hangouts at the heart of a community. Cambridge 1997.
Spiritova, Marketa: Narrative Interviews. In: Bischoff, Christine/Oehme-Jüngling, Karoline/Leimgruber, Walter (Hg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern 2014, 117–130.
Flüsse sind Lebensadern, die nicht nur Landschaften prägen, sondern auch die Kulturen der Menschen, die an und mit ihnen leben. Die Mainfähren in Unterfranken sind ein solches lebendiges Beispiel. Seit Jahrhunderten verbinden sie als „schwimmende Brücken“ (Mayer 2018) Ufer, Orte und Menschen und sind ein Symbol dafür, wie Alltagspraktiken, Technik und regionales Gedächtnis ineinandergreifen. Die ethnografischen Befunde zeigen zwei Ebenen des Fährenbetriebs: Die offensichtliche Funktion als Transportmittel und die unsichtbare Dimension des Wissens, das den Körpern und Routinen der Fährleute innewohnt. Die Fähren und ihr Betrieb sind nicht nur Boote, sondern auch soziale Gefüge, in denen verschiedene Akteur:innen aufeinandertreffen.

Abb. 1: Das Schild Immaterielles Kulturerbe Bayern am Steuerhaus der Fähre Herta in Dettelbach verweist auf die offizielle Prädikatisierung und die damit verbundenen politischen und symbolischen Bedeutungen, Foto: Markus Lüske.
Die Aufnahme des Fährenbetriebs in das bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes ist Ausdruck einer bewussten Inwertsetzung: Durch das Label soll das verkörperte Wissen der Fährleute sichtbar und legitimiert werden; zugleich dient die Anerkennung als Argument in politischen Aushandlungsprozessen um Fördermittel, Technik‑Aufrüstung und Ausbildungsangebote.
Der Titel des Immateriellen Kulturerbes (IKE) ist jedoch nicht nur eine symbolische Auszeichnung. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive kann er als eine Form des institutionalisierten kulturellen Kapitals im Sinne Pierre Bourdieus verstanden werden (Bourdieu 1983: 186-188). Er verleiht der Tradition eine neue, offizielle Geltung. Das ist besonders relevant, da die Mainfähren aufgrund neuer gesetzlicher Auflagen und hoher Betriebskosten von der Stilllegung betroffen sind. Aus meiner Perspektive wird die IKE-Anerkennung als ein strategisches Instrument gesehen, um das kulturelle Kapital des Fährenbetriebs in ökonomisches Kapital umzuwandeln – sei es durch die Hoffnung auf staatliche Zuschüsse oder durch die Steigerung des Tourismus.

Abb. 2: Die Fähre Konrad legt in Nordheim an, Foto: Markus Lüske.
Die ethnografischen Befunde legen nahe, dass der IKE‑Status ambivalente Erwartungen weckt: Er generiert symbolisches Prestige, öffnet aber auch Perspektiven zur ökonomischen Verwertung (Tourismus, Förderungen), zur institutionellen Sicherung von Ausbildung und Nachwuchs und zum Netzwerkausbau der beteiligten Kommunen.
Entscheidend bleibt, dass Anerkennung allein nicht genügt; die Weitergabe des fachlichen Könnens, kommunale Unterstützung und konkrete Formen der Qualifizierung sind nötig, um das lebendige Erbe dauerhaft zu bewahren.

Abb. 3: Auf der Mainfähre Herta in Dettelbach, 01.09.25, Foto: Markus Lüske.
Letztendlich zeigt die Untersuchung, dass das IKE des Fährenbetriebs ein komplexes Geflecht aus Tradition, wirtschaftlicher Notwendigkeit und kultureller Identität ist. Der Titel ist kein statisches Siegel, sondern eine dynamische Ressource, die der Region und ihren Bewohner:innen dabei helfen soll, dieses einzigartige Erbe für die Zukunft zu sichern.
Quellenverzeichnis
A. Ethnografisches Material
Feldnotizen zum 11. Juni 2025.
Feldnotizen zum 18. Juni 2025.
Interviews mit Armin und Roland am 11. Juni und am 2. September 2025.
Interviews mit Henry am 18. Juni und am 1. September 2025.
Interview mit einem Mitglied der Interessengemeinschaft Mainfähren (IGM) am 2. September 2025.
B. Internetquellen
Bayerische Staatsbibliothek/bavarikon, KulturErben. Betrieb der Mainfähren in Franken. https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000011121?lang=de (24.06.2025).
Gläser, Jürgen, Wegen drohendem Aus: Mainfähren bald Unesco-Weltkulturerbe?, 2021. https://www.br.de/nachrichten/bayern/wegen-drohendem-aus-mainfaehren-bald-unesco-weltkulturerbe,Sawf3Nw. 21.06.2021 (25.06.2025).
Kommission für bayerische Landesgeschichte/Beratungs- und Forschungsstelle Immaterielles Kulturerbe Bayern am Institut für Volkskunde, UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes. https://kblg.badw.de/institut-fuer-volkskunde/immaterielles-kulturerbe.html (30.06.2025).
Krämer, Gerhard, Fährgemeinden funken SOS, 2022. https://www.mainpost.de/regional/kitzingen/unesco-kulturerbe-hilft-die-anerkennung-um-die-mainfaehren-vor-dem-drohenden-aus-zu-bewahren-art-10807844. 01.06.2022 (26.06.2025).
Mayer, Elisabeth, Schwimmende Brücken - die Mainfähren (Bayern erleben) Dokumentarfilm, 2018.
Literaturverzeichnis
Albert, Marie-Theres/Meißner, Marlen, Leitfaden zur Inwertsetzung des immateriellen Kulturerbes in der Lausitz, Cottbus, 2014.
Bayerisches Staatsministerium der Finanzen und für Heimat, Immaterielles Kulturerbe in Bayern. UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, München, 2023.
Bendix, Regina, Dynamiken der In-Wertsetzung von Kultur(erbe). Akteure und Kontexte im Lauf eines Jahrhunderts, in: Kultur all inclusive. Identität, Tradition und Kulturerbe im Zeitalter des Massentourismus, hrsg. v. Schnepel, Burkhard/Girke, Felix/Knoll, Eva-Maria/Bendix, Regina (Kultur und soziale Praxis), Bielefeld, 2013, 45–73.
Bourdieu, Pierre, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Soziale Ungleichheiten, hrsg. v. Kreckel, Reinhard (Soziale Welt Sonderband, 2), Göttingen, 1983, 183–198.
Drascek, Daniel, Immaterielles Kulturerbe - Aushandlungsprozesse und Kontroversen, in: Kulturerbe als kulturelle Praxis - Kulturerbe in der Beratungspraxis, hrsg. v. Drascek, Daniel/Groschwitz, Helmut/Wolf, Gabriele (Bayerische Schriften zur Volkskunde, 12), München, 2022, 9–24.
Eggert, Aditya/Mißling, Sven, Das UNESCO-Übereinkommen von 2003 zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, in: Kultur als Eigentum: Instrumente, Querschnitte und Fallstudien, hrsg. v. Groth, Stefan/Bendix, Regina/Spiller, Achim (Göttinger Studien zu Cultural Property, 9), Göttingen, 2015, 61–82.
Meißner, Marlen, Intangible Cultural Heritage and Sustainable Development. The Valorisation of Heritage Practices (Heritage Studies), Cham, 2021.
Müller-Halbleib, Julia, Dettelbach: Vergangenes entdecken, 1. Auflage, Herbstein, 2023.
Tauschek, Markus, Kulturerbe. Eine Einführung (Reimer Kulturwissenschaften), Berlin, 2013.
Uhlig, Mirko/Trummer, Manuel, Gelistet! Und nun? Bedeutungen und Funktionen von immateriellem Kulturerbe für ländliche Räume nach der Inventarisierung, in: Listed! And Now What? Negociating Uncertainty and Intangible Cultural Heritage in Rural Areas, hrsg. v. Uhlig, Mirko/Trummer, Manuel/Koller, Rebecca/Schäfer, Leonie (Schweizerisches Archiv für Volkskunde,121), Zürich, 2025, 7–18.
*Die Namen der Forschungspartner:innen wurden pseudonymisiert.
Am Mainufer in Würzburg begegnen sich Menschen und Entenvögel täglich und doch nehmen die Menschen diese Tiere oft kaum bewusst wahr. Meine Forschung zeigte, dass Entenvögel weder bloße „Hintergrundnatur“ noch zentrale Akteur*innen sind, sondern in einem Schwellenraum agieren (Wischermann 2017: 15): manchmal unauffällig, manchmal im Mittelpunkt. Gerade diese alltäglichen Begegnungen werfen Fragen auf: Wie teilen sich Menschen und Entenvögel städtische Räume? Und welche Chancen entstehen daraus für das Zusammenleben und für unser Verständnis von Natur und Stadt?
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| Abb. 1: Enten im Main. Foto: Judith Misch | Abb. 2: Mainpromenade Innenstadt. Foto: Judith Misch |
Während meiner Beobachtungen am Main fiel auf, dass Entenvögel oft präsent sind, aber selten Aufmerksamkeit erhalten. Meist schwimmen sie auf dem Main oder ruhen auf den Wiesen. Nur in besonderen Momenten, wenn etwa eine Entenmutter mit Küken vorbeischwimmt, richten sich die Blicke auf sie. Dann werden Fotos gemacht, Gespräche darüber geführt oder Kinder laufen neugierig auf die Tiere zu (Feldnotizen zum 09.07.2025). Solche Situationen verdeutlichen, dass Entenvögel den Raum mitgestalten, auch wenn ihre Präsenz oft beiläufig wirkt. Biolog*innen betonen, dass die Tiere sich an urbane Bedingungen angepasst haben, etwa durch geringere Scheu vor Menschen (Interview mit Martin und Maria). Raum entsteht also im Zusammenspiel von menschlichen Routinen und tierischer Anwesenheit (Löw 2001: 19).
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| Abb. 3: Mainwiesen Zellerau. Foto: Judith Misch | Abb. 4: Nilgänse auf den Mainwiesen. Foto: Judith Misch |
Donna Haraway spricht von ‚companion species‘, wenn sie Arten beschreibt, die unser Leben prägen, indem sie unsere Alltagsbegleiterinnen sind. Am Mainufer entstehen solche Kontaktzonen, wenn Menschen und Entenvögel aufeinandertreffen (Haraway 2008: 16). Entenvögel gehören schließlich zum Würzburger Stadtleben dazu und treten je nach Situation unterschiedlich stark in Erscheinung. Sie machen sichtbar, dass ‚Stadt‘ nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren gestaltet wird. Katharina Amelis Konzept der ‚MenschenTiereNaturenKulturen‘ verdeutlicht dies, denn Menschen, Tiere, Naturen und Kulturen sind nicht getrennt, sondern eng miteinander verflochten (Ameli 2021: 69). Am Mainufer zeigt sich diese Verflechtung im Nebeneinander von Freizeitgestaltung, Wasserflächen und Entenvögeln. So wird deutlich, dass Natur im Alltag oft präsenter ist als angenommen.
Quellenverzeichnis:
Ethnografisches Material
Feldnotizen zum 09.07.2025.
Interview mit Martin am 20.06.2025.
Interview mit Maria am 27.06. 2025.
Literaturverzeichnis
Ameli, Katharina: Multispezies-Ethnographie. Zur Methodik einer ganzheitlichen Erforschung von Mensch, Tier, Natur und Kultur. Bielefeld 2021.
Haraway, Donna: When Species meet. Minneapolis 2008.
Löw, Martina: Raumsoziologie. Frankfurt am Main 2001.
Wischermann, Clemens: Liminale Leben(s)räume. Grenzverlegungen zwischen urbanen menschlichen Gesellschaften und anderen Tieren im 19. und 20. Jahrhundert. In: Hauck, Thomas E./Hennecke, Stefanie/Krebber, Andre et. al. (Hg.): Urbane Tier-Räume. Berlin 2017, S. 15-31.
*Die Namen der Forschungspartner*innen wurden pseudonymisiert.
Entlang der Mainschleife, von Nordheim am Main über Volkach bis nach Fahr, finden sich neben Campingplätzen und Freizeitangeboten oft übersehene Gärten. Leicht verborgen hinter Vegetationsstreifen und abseits der Hauptstraßen blühen sie Jahr für Jahr. Möglich wird dies durch die sorgsame Pflege ihrer Besitzer:innen, die kleine Flächen Natur gestalten – Flächen, die gleichzeitig anderen Spezies Lebensraum bieten.

Abbildung 1: Fahr (Foto: Iulia-Maria Sanda, 07.09.2025)
Auch auf begrenztem Raum wird alles optimal genutzt; bestäuberfreundliche Pflanzen wachsen zwischen Gemüsebeeten und verstreuten Obstbäumen, die nicht nur Schatten spenden, sondern auch als Mini-Biotope für Insekten und Vögel dienen. Jede Pflanze, jede Blüte trägt dazu bei, die Biodiversität zu stärken.
Viele Gärten bieten gezielte Unterstützung für nichtmenschliche Akteure: Insektenhotels, Naturgärten oder kleine Hilfsleiter für Frösche sind nur einige Beispiele. Diese Details verkürzen Wege zu Nahrung, schaffen sichere Rückzugsorte und ziehen eine größere Vielfalt an Tieren an. Die Gärtner:innen profitieren davon indirekt: Eine höhere Artenvielfalt sorgt für eine bessere Bestäubung und damit für eine reichere Ernte.

Abbildung 2: Nordheim am Main (Iulia-Maria Sanda, 07.09.2025)
Die Vielfalt privater Gärten ist dabei kein Nischenthema. In Deutschland bedecken sie zusammen rund 930.000 Hektar – fast so viel Fläche wie große Naturschutzgebiete. (Segerer und Rosenkranz 2019) Diese enorme Ausdehnung macht deutlich, welches Potenzial selbst kleine, individuell gestaltete Gärten für den Erhalt der Artenvielfalt haben. Auch an der Mainschleife bilden sie ein Netz aus vielen kleinen Lebensräumen, die sich zu einem wichtigen ökologischen Mosaik verbinden.
Die Formen der Gärten sind so unterschiedlich wie ihre Besitzer:innen. Während meiner Beobachtung fällt auf, dass manche Gärten durch Beete und Wege strukturiert, andere Gärten hingegen weniger durch scheinbar menschliche Hand geordnet werden. Symbolische Details; etwa Bocksbeutel-Schilder in Nordheim oder kleine Sitzplätze zwischen Stauden, verbinden regionale Kultur mit ökologischem Bewusstsein.

Abbildung 3: Nordheim am Main (Iulia-Maria Sanda, 07.09.2025)
Aus Sicht der Multispecies Studies erscheinen diese Gärten als Schnittstellen zwischen Mensch, Tier, Pflanze und Boden. Hier werden alltägliche Pflegehandlungen zu Impulsen für ökologische Prozesse, während Tiere und Pflanzen die Dynamik der Gärten mitgestalten. (Haraway 2008)
So werden die Gärten entlang der Mainschleife zu unsichtbaren Schutzinseln; sichtbaren, aber oft übersehenen Räumen, die Biodiversität stärken, kulturelle Werte tragen und zeigen, wie kleine Handlungen große Wirkung für das Leben am Fluss entfalten können.

Abbildung 4: Volkach (Iulia-Maria Sanda, 06.08.2025)
Quellenverzeichnis
Forschungstagebuch 06.08.2025 und 07.09.2025
Literaturverzeichnis
Haraway, Donna Jeanne. 2008. When Species Meet. Posthumanities 3. University of Minnesota press.
Segerer, Andreas H., und Eva Rosenkranz. 2019. Das große Insektensterben: was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen. Oekom verlag.
Resilienz am Main: Gemeinsam widerstandsfähig gegen Hochwasser
Der fränkische Main bedeutet Lebensqualität für die Anlieger*innen der Region. Doch Starkregen oder Schneeschmelze können Hochwasser verursachen und somit zur Katastrophe führen. Sind Anlieger*innen dem Hochwasser gegenüber nicht widerstandsfähig, können materielle Schäden wie geflutete Keller und schimmelnde Wände, oder emotionale Belastung die Folge sein. (vgl. Interview mit P. W. am 23.07.2025)
Wahrnehmung der Anlieger*innen und Eigenvorsorge
Die Entscheidung für private Vorsorgemaßnahmen beginnt mit der Wahrnehmung des Risikos (vgl. Marg 2016: 32). Durch einen persönlich erlebten Hochwasserschaden geht eine Anliegerin (2025) regelmäßig der Pflege eines selbsterschaffenen Wasser-Schutzgrabens nach. Zudem lagert sie Sandsäcke, um bereits erlebte Gebäude- und Sachschäden in Zukunft zu vermeiden. (vgl. Interview mit U. A. am 23.07.2025) Ihre persönliche Erfahrung schärfte ihr Risikobewusstsein und machte sie durch private Vorsorge, resilienter für die Zukunft. (vgl. Grothmann 2005:106 zitiert nach Marg 2016:32).
Auch die öffentliche Hand trägt dazu bei, dieses Bewusstsein zu schärfen. Wer am Würzburger Mainufer entlanggeht, begegnet den Markierungen, welche an historische Hochwasser erinnern. (vgl. Protokoll 2025) Katastrophenerinnerung ist eine gute Möglichkeit, die Risikowahrnehmung der Anlieger*innen zu schärfen. (vgl. Grothmann 2005: 106 zitiert nach Marg 2016: 32)
Schutz durch die öffentliche Hand
Städte wie Würzburg haben mit einem Mix aus festen und mobilen Schutzwänden sowie einem langjährig erprobten Alarm- und Einsatzplan vorgesorgt (vgl. Interview mit R. B. am 19.08.2025). Dabei wird darauf geachtet, dass die städtische Qualität durch die 1,4km lange Schutzlinie nicht eingeschränkt wird. (vgl. Jordan u.a. 2012: 228-229) Die Freude, welche der Main den Bewohner*innen bietet – beispielsweise durch die Möglichkeit eines Uferspaziergangs oder des Badens – sollen erhalten bleiben. (vgl. Interview mit M. P. am 06.07.2025) Mit einem Vorlauf von 36 Stunden können die Bewohner*innen informiert und die Schutzmaßnahmen aktiviert werden. Doch die Möglichkeiten der Stadt haben Grenzen. Bei Extremereignissen oder für Gebäude, die außerhalb der Schutzelemente liegen, sind Anlieger*innen selbst gefragt. (vgl. Interview mit R. B. am 19.08.2025)
Hier entsteht der Konflikt um die Verantwortungszuschreibung. Katastrophen beleuchten das Verhältnis zwischen Bürger*innen und staatlichen Institutionen genauer. (vgl. Féaux de la Croix & Samakov 2025:318) Auch im fränkischen Maingebiet ist dadurch zu erkennen: Einige Bewohner*innen, die in direkter Nähe zum Ufer leben, sehen oft keine Möglichkeit sich ausreichend privat zu schützen, oder haben nicht die finanziellen oder logistischen Mittel hierfür. So wird die Verantwortung für den Schutz dann bei dem zuständigen öffentlichen Akteur gesehen. (vgl. Interview mit P. W. am 23.07.2025)

Abbildung 1: Schutzvorrichtung mit mobilen Elementen. Foto: Julia Walter.

Abbildung 2: Wasserpegel eingeprägt auf Schutzmauer. Würzburg. Foto: Julia Walter.
„Das größte in dem Moment“
Wo staatliche Hilfe und individuelle Kapazitäten an ihre Grenzen stoßen, wird die Zivilgesellschaft zum entscheidenden Akteur (vgl. Marg 2016:82). Eine Anliegerin (2025) beschrieb die Hilfe ihrer Stallgemeinschaft als „das größte in dem Moment“. Anwohner*innen helfen sich gegenseitig beim Ausheben von Gräben, teilen Wasserpumpen, bieten Unterschlupf oder geben wertvolle Informationen weiter. (vgl. Interview mit U. A. am 23.07.2025)
Die Resilienz am fränkischen Main ist ein gemeinsames Projekt. Unterstützen sich die Akteur*innen gegenseitig, sind sie zusammen widerstandsfähiger gegenüber Hochwasserereignissen, als einzelnd handelnde Akteur*innnen.
Quellenverzeichnis
Abbildung 1: Schutzvorrichtung mit mobilen Elementen. Schwürbitz. Protokoll von Walter, Julia. 26.07.2025.
Abbildung 2: Wasserpegel eingeprägt auf Schutzmauer. Würzburg. Protokoll von Walter, Julia. 08.07.2025.
Interview mit M. P., Bewohnerin Würzburgs, Würzburg am 06.07.2025.
Interview mit P. W., Versicherungsmakler im fränkischen Maingebiet, Lichtenfels am 23.07.2025.
Interview mit R. B. Mitarbeiter Stadt am Main in Franken, Würzburg, Interview am 19.08.2025.
Interview mit U. A., Besitzerin einer Pferdekoppel im Maingebiet, Lichtenfels am 23.07.2025.
Protokoll von Walter Julia: Wahrnehmungsspaziergang, Würzburg, 08.07.2025.
Literaturverzeichnis
Féaux de la Croix, Jeanne & Samakov, Aibek.: Katastrophenforschung. In: Eitel, Kathrin & Wergin, Carsten (Hg.) (2025): Handbuch Umweltethnologie. Zürich. Springer VS Wiesbaden, S.311-323.
Grothmann, T. (2005). Klimawandel, Wetterextreme und Private Schadensprävention. Entwicklung, Überprüfung und praktische Anwendbarkeit der Theorie privater proaktiver Wetterextrem-Vorsorge. Dissertation. Magdeburg: Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg.
[Marg, Oskar (2016) Resilienz von Haushalten gegenüber extremen Ereignissen. Schadenserfahrung, Bewältigung und Anpassung bei Hochwasserbetroffenheit. Berlin. Springer VS Wiesbaden].
Marg, Oskar (2016) Resilienz von Haushalten gegenüber extremen Ereignissen. Schadenserfahrung, Bewältigung und Anpassung bei Hochwasserbetroffenheit. Berlin. Springer VS Wiesbaden.
Jordan, Jens; Lieske, Heiko; Pfriem, Jenny; Schmidt, Erika; Will, Thomas (2012): Hochwasserschutz und Denkmalpflege: Fallbeispiele und Empfehlungen für die Praxis. Stuttgart. Fraunhofer-IRB-Verl.
*Die Namen der Forschungspartner*innen wurden pseudonymisiert.








