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Philosophische Fakultät

Illegale Raves im Wald: Welche Orte die Jugend in Würzburg geprägt haben

01.09.2026

Im Wald immer den Bässen nach: Früher feierte Würzburg ohne Handy, aber mit Hausbar und Schleichwegen zum B-Hof. Jetzt wird die wilde Jugend museumsreif gemacht. Studierende der Geschichte helfen dabei mit.

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Material für das Erzählcafé: Alte Fotos von Würzburg und Moderationskarten mit Fragen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. (Bild: Ilona Justus / Universität Würzburg)

Illegale Raves gab es in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er auch in Würzburg. Die Techno-Fans trafen sich heimlich im Bahntunnel bei der Posthalle, am Bismarckturm, im Bombenkrater in der Zellerau oder im Wald.

Die Treffpunkte wurden per Mund-zu-Mund-Propaganda oder über das Festnetztelefon weitergegeben. Ging es für die Raves in den Wald, fand man sie, indem man einfach den Bässen folgte. Alle brachten Getränke oder Snacks für das gemeinsame Feiern mit. Doch es gab auch eine negative Begleiterscheinung: Der Müll blieb oft liegen.

So berichtete es eine Teilnehmerin beim Erzählcafé, das JMU-Lehramtsstudierende der Geschichte am 24. Juli 2026 im Theater Chambinzky organisiert hatten. Bei dem Treffen sprachen 14 Bürgerinnen und Bürger unterschiedlichen Alters darüber, welche Orte ihre Jugend in Würzburg und Umgebung geprägt haben.

Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen

Das Erzählcafé war Teil des Seminars „Jugend in Franken von 1945 bis heute – Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen“, geleitet von Dozentin Dr. Miriam Montag-Erlwein von der Didaktik der Geschichte.

Die Studierenden setzten beim Treffen im Chambinzky das um, was sie im theoretischen Teil des Seminars über den Einsatz von „Oral History“ im Geschichtsunterricht gelernt hatten. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hatten sie selbst ausgesucht. Sie organisierten das Erzählcafé, überlegten Fragen und moderierten die Veranstaltung.

Von der Tanzschule zum Rauchen in den B-Hof

Die Erzählungen lieferten viele Einblicke – etwa, dass das Jugendzentrum B-Hof auch früher schon beliebt war: Vom Unterricht in der Tanzschule Bäulke ging man zu späterer Uhrzeit hinüber in den B-Hof, denn dort war das Rauchen erlaubt und man war nicht mehr unter Aufsicht der Tanzschule. Weil die Eltern den B-Hof verboten hatten, schlichen sich die Jugendlichen rechtzeitig zurück zur Tanzschule, bevor die Eltern sie dort abholten.

Viele Berichte drehten sich um Jugendfreizeiten, Zeltlager, Vereinsaktivitäten oder gemeinsame Schwimmbadbesuche. Kirchliche Organisationen wie die Katholische Junge Gemeinde (KJG) waren wichtige Treffpunkte; dort fanden regelmäßig auch Partys statt.

Weitere wichtige Treffpunkte waren die Hausbars. Viele Familien hatten in den 1970er- und 1980er-Jahren im Keller einen Raum mit einer kleinen Bar, in den sie regelmäßig Freundinnen und Freunde zum Feiern einluden.

Eindrücke einer Studentin nach dem Erzählcafé

„Insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Menschen damals mehr gemeinsame Zeit verbracht haben“ sagt Studentin Ilona Justus. Das liege vermutlich daran, dass es noch keine Handys und sozialen Medien gab. „Während früher das gemeinsame Erleben im Vordergrund stand und der Moment bewusster genossen wurde, ist meine Generation heute viel stärker auf die digitale Welt fokussiert und darauf, sich online zu präsentieren und anderen zu zeigen, was man hat oder wie gut es einem geht. Dadurch gehen gemeinsamen Aktivitäten verloren.“

Jung und wild: Projekt des Museums für Franken

Der Praxisteil des Seminars fand in Kooperation mit dem Museum für Franken statt. Dort werden zurzeit Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesammelt, die erzählen, wie das Leben in Franken war und ist, insbesondere auf dem Land. Die Leitung dieses Projekts liegt bei Fabian Stöckl, Kurator und Leiter der Sammlung des Fachbereichs 19. Jahrhundert bis Gegenwart.

Die erste Projektphase (2026-2028) steht unter dem Thema „jung & wild – Deine Jugend in Franken“. Menschen, die ihre Jugend zwischen den 1950er- und 2020er-Jahren in Franken verbracht haben, sind eingeladen, ihre Geschichten zu erzählen: Was macht Jugend in Franken aus? Welche Themen beschäftigten die Jugend früher und heute? Wo traf und trifft sie sich?

Die gesammelten Geschichten übernimmt das Museum in sein neues digitales Oral-History-Archiv. Dort werden sie dann für die Öffentlichkeit abruf- und hörbar sein (das Startdatum des Archivs ist noch nicht bekannt). Das Erzählcafé der Studierenden zielte auch darauf ab, Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu finden, die dem Museum Einzelinterviews für das neue Archiv geben.

Welche Erfahrungen die Studierenden gemacht haben

Für ihre spätere Berufslaufbahn als Lehrkräfte haben die Studierenden im Seminar live erfahren, wo die Schwierigkeiten bei der Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen liegen. „Sie haben gemerkt, dass nicht alle Leute gerne ihre Vergangenheit teilen“, sagt Dr. Miriam Montag-Erlwein. Menschen für das Erzählcafé zu gewinnen, sei nicht einfach gewesen.

Trotz intensiver Vorbereitung war auch die Moderation teils herausfordernd: Es galt, die Teilnehmenden durch geschickte Fragen zum Erzählen anzuregen, wenn der Erzählfluss stockte. Auf der anderen Seite mussten Teilnehmende „eingefangen“ werden, wenn sie vom Thema abwichen. „Wichtig war es, sensibel vorzugehen, niemanden vor den Kopf zu stoßen und ein Ambiente zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen“, so die Dozentin.

Trotz dieser Herausforderungen seien die Studierenden bereit, „Oral History“ später in der Schule auszuprobieren. Aufgrund ihrer Erfahrungen wissen sie nun auch, welche Methode sich für welche Klassenstufe eignet. Ein Erzählcafé zum Beispiel passt eher für die Oberstufe am Gymnasium, ansonsten seien Einzelbefragungen angeraten, weil sich die Schülerinnen und Schüler dann besser auf die erzählende Person einlassen können und das Gespräch durch Fragen besser steuerbar wird.

Weitere Bilder

Von Dr. Miriam Montag-Erlwein / Robert Emmerich

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