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Philosophische Fakultät

Faszination Stillgewässer

08.09.2026

Vom Ammersee bis zu Zuchtalgen. Mit einer neuen Nachwuchsforschungsgruppe will die Würzburger Europäische Ethnologin Laura Otto einen besonderen Lebens- und Wirtschaftsraum untersuchen: bayerische Stillgewässer.

Wirtschaftlich genutzte Stillgewässer vereinen Tradition und Technologie. Links: Im Aischgrund betreiben Menschen sind vielen Jahrhunderten Karpfenzucht. Rechts: Moderne Aquaponik-Anlagen vereinen Fischzucht mit dem Anbau von Pflanzen.
Wirtschaftlich genutzte Stillgewässer vereinen Tradition und Technologie. Links: Im Aischgrund betreiben Menschen sind vielen Jahrhunderten Karpfenzucht. Rechts: Moderne Aquaponik-Anlagen vereinen Fischzucht mit dem Anbau von Pflanzen. (Bild: Laura Otto; AdobeStock/ And)

Stille Wasser sind bekanntlich tief – so wird sprichwörtlich gerne der Charakter ruhiger Menschen beschrieben. Laura Otto, Juniorprofessorin für die Anthropologie des Ländlichen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), beschäftigt sich in einem neuen Forschungsprojekt nicht mit der sprichwörtlichen, sondern mit der wörtlichen Auslegung der Redewendung.

Die von ihr geleitete neue Emmy-Noether-Gruppe „AquaNaturenKulturen – Stillgewässerökonomien im Anthropozän“ nimmt vier Formen von Stillgewässern aus anthropologischer Perspektive genauer unter die Lupe: die Karpfenzucht im Aischgrund, die Fischerei am Ammersee sowie landwirtschaftliche Algenzucht und Aquaponik-Anlagen.

„Stillgewässer sind, verglichen mit Meeren oder Flüssen, in den anthropologischen Fächern unpopulär. Sie gelten als weniger dramatisch oder auch interessant – aber wer genau hinsieht, erkennt: in ihnen entfalten sich aktuelle gesellschaftspolitische Themen, wie Biodiversität, Ernährung der Zukunft, oder auch Umgang mit Wasser. Stillgewässer, so zeigt das Projekt, sind essenziell für das Überleben auf unserer Erde – für Menschen und andere Lebewesen“, so Laura Otto.

Bayerische Gewässer im Fokus

Die Forschungsgruppe verbindet dabei Ansätze der Anthropologie des Ländlichen, der Naturen-Kulturen-Debatte und der Multi-Spezies-Forschung. Wie wirtschaften Menschen mit den Gewässern? Welche Interaktionen mit anderen Lebewesen treten dabei auf? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Natur und Kultur – und wie funktionieren beide miteinander?

Um diesen Fragen nachzugehen, müssen die Forschenden den Freistaat nicht verlassen. „Bayern ist Deutschlands Vorreiter im Bereich der Stillgewässerökonomien. Die örtliche Nähe zu unseren Projektpartnerinnen und -partnern ermöglicht eine besonders enge Zusammenarbeit und erleichtert die Feldforschung“, erklärt Laura Otto.

Diese Partnerinnen und Partner reichen dabei von hochmodernen bis hin zu besonders traditionsreichen Formen der Landwirtschaft. So werden Karpfenzucht im Aischgrund und Fischerei am Ammersee bereits seit über tausend Jahren betrieben. Aquaponik und Algenzucht sind dagegen deutlich jüngere Formen des Wirtschaftens in und mit Gewässern.

Ländlichkeit im Wandel der Zeit

„Anthropologie des Ländlichen“ lautet der Titel von Laura Ottos Juniorprofessur an der JMU; und dieses Thema spielt auch eine zentrale Rolle für die Forschungsgruppe. „Uns interessiert vor allem, wie die Menschen des ländlichen Raums selbst Ländlichkeit definieren. Außerdem ist der Begriff nicht statisch. Ländlichkeit verändert sich ständig.“

Während Aquaponik-Anlagen, eine Kombination aus Fischzucht und erdelosem Pflanzenanbau, oder Algenzucht für junge Beispiele der ökonomischen Nutzung von Stillgewässern stehen und häufig als nachhaltige Antworten auf den Umgang mit Klimawandelherausforderungen gelten, sehen sich gerade die traditionellen Formen zahlreichen Hürden gegenüber. Neben dem Klimawandel gefährden auch weitere menschliche Einflüsse ihren Fortbestand.

Der Ammersee leidet etwa unter der Belastung durch Reifenabrieb, den der rege Verkehr an seinen Ufern verursacht. Noch viel dramatischer wären allerdings die Schäden, die eine invasive Art anrichten könnte: die Quagga-Muschel. Ursprünglich aus der Schwarzmeer-Region stammend, haben Schifffahrt und Wassersport sie inzwischen nach Nordamerika und auch in die Flüsse und Seen Westeuropas gebracht.

„Diese Muschel ist ein riesiges Problem. Sie hat bei uns kaum Druck durch Fressfeinde, vermehrt sich deshalb rasant und filtert die Gewässer so leer, dass sie anderen Arten die Lebensgrundlage nimmt.“ Im Lake Michigan (USA) macht sie bereits 90 Prozent der Biomasse aus. Auch im Ammersee gibt es Hinweise auf ihr Vorkommen.

„Für den See wäre die Quagga-Muschel eine Apokalypse – und damit wohlmöglich auch ein Todesurteil für die Fischerei. Das ist ein uraltes Kulturgut, das hier ins Wanken gerät“, so Laura Otto.

Ansätze für zukunftsfähige Landwirtschaft

„Die Menschen, die in diesen Bereichen agieren, sehen es auch als ihre Aufgabe an, die Lebensräume und Traditionen zu bewahren – und sie passen sich dabei an immer neue Herausforderungen an.“ Bislang sei das oft gut gelungen, um Herausforderungen wie der Quagga-Muschel beizukommen, bräuchte es aber umfangreiche Unterstützung aus der Politik – so der Tenor der Fischerinnen und Fischer.

Die Arbeitsgruppe will herausfinden, wie Landwirtschaft, Artenschutz und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion heute und in Zukunft im bislang wissenschaftlich unterrepräsentierten Raum der Stillgewässer funktionieren können. Dabei sollen auch konkrete Anknüpfpunkte für Personen aus der landwirtschaftlichen Praxis entstehen. Schließlich geht das Projekt der zentralen Frage nach: Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft – und nicht zuletzt des Lebens auf der Erde – aus?

Emmy-Noether-Programm

Das Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet sich an Postdocs und befristet beschäftigte Juniorprofessorinnen und -professoren in einer frühen Phase ihrer wissenschaftlichen Karriere.

Ihnen wird die Möglichkeit eröffnet, sich durch die eigenverantwortliche Leitung einer Nachwuchsgruppe über einen Zeitraum von sechs Jahren für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren.

Kontakt

Jun.-Prof. Dr. Laura Otto, Juniorprofessur „Anthropologie des Ländlichen“, E-Mail: laura.otto@uni-wuerzburg.de, Tel: +49 931 31-88071

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Von Lutz Ziegler

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