Von Adana bis Diyarbakır, 2026
Die Exkursion des Lehrstuhls Altorientalistik/Vorderasiatische Archäologie 2026 war eine über 800km lange Rundfahrt durch die Geschichte der Südtürkei. 14 Studierende aus 6 Fachrichtungen erhielten die Gelegenheit, auf Ausgrabungsstellen, in Museen und in der freien Landschaft das antike Nordmesopotamien von 10.000 v. Chr. bis ins 1. Jahrtausend n. Chr. zu erkunden; immer unter fachkundiger Leitung von Prof. Andreas Schachner (Deutsches Archäologisches Institut Istanbul), Prof. Daniel Schwemer (JMU Würzburg) und Dr. Sevgül Çilingir Cesur (Ege Universität Izmir). Sie besichtigten Göbekli Tepe, erkletterten das Antiochos-Denkmal auf der Spitze des Nemrut Daği, stiegen einen schroffen Berghang zum Tigristunnel herunter—und vieles mehr.
Im folgenden Exkursionsbericht, einer Kollaboration aller Teilnehmenden, erzählt die Gruppe von ihren Erfahrungen.
Donnerstag, 23.04.2026
Tag 1: Sirkeli Höyük, Anazarbos, Tatarlı Höyük, Karatepe
Nachdem wir uns in Adana eine Nacht von einer langen Anreise erholen konnten, besuchten wir zum Auftakt der Exkursion das städtische archäologische Museum. Dort erhielten wir einen ersten Überblick über die Geschichte der Stadt und der Region vom Neolithikum bis in die islamische Zeit.
Eines der zentralen Ausstellungsstücke, und besonders beeindruckend für uns, war die Statue von Çineköy. Sie zeigt den Wettergott Tarhunza auf einem von Ochsen gezogenen Streitwagen und vereinigt Elemente von vier Kulturen: Grundsätzlich neo-hethitisch gestaltet, ist ihre Ikonographie assyrisch beeinflusst; dazu findet sich am Sockel der Statue eine zweisprachige Inschrift in Hieroglyphen-Luwisch und Phönizisch. Ein Vorgeschmack auf die Multikulturalität der Region, die sich wie ein roter Faden durch den Tag ziehen sollte.
Als zweite Station hielten wir kurz an der imposanten römischen Misis-Brücke, die den Ceyhan überspannt und bis heute genutzt wird; dann besahen wir in Sirkeli Höyük zwei den Fluss überblickende hethitische Felsreliefs. Das erste stellt König Muwatalli II dar, der wahrscheinlich nach der Schlacht gegen die Ägypter bei Kadeš an Sirkeli vorbeizog. Es gilt als das älteste bekannte hethitische Steinrelief. Das zweite, kaum sichtbar und wohl schon zur Hethiterzeit absichtlich getilgt, zeigte wahrscheinlich Muršili III—den Sohn Muwatallis II, der von seinem Onkel Hattušili II entthront wurde und danach aus der Geschichte entfernt werden sollte.
Anschließend besuchten wir die Ruinen der römischen Stadt Anazarbos mit ihrer monumentalen Prachtstraße. Anazarbos liegt unter einem Felshang, auf dessen Spitze heute eine Festung aus der Kreuzfahrerzeit thront: Erneut zeigte sich, wie sich die Spuren unterschiedlicher Epochen der türkischen Geschichte an einzelnen Orten überlagern.
Der Tag setzte sich auf dem Ausgrabungshügel Tatarlı Höyük, nahe der Mittelmeerküste, fort. Die späthethitische Siedlung, deren Überreste hier noch sichtbar sind, war einst Teil des Königreichs Kizzuwatna und zeitweise vom Hethiterreich abhängig.
Der Höhepunkt und Abschluss des Tages war der Besuch von Karatepe, einer zweiten späthetitischen Siedlung. Forschungsgeschichtlich ist der Ort besonders für eine lange Umschrift in hieroglyphen-luwischer und phönizischer Schrift bekannt, die einen bedeutenden Beitrag zur Entzifferung des Hieroglyphen-Luwischen lieferte. Dass die Reliefs noch vor Ort besichtigt werden können und nicht einem Dammprojekt weichen mussten, ist vor allem der Archäologin Prof. Halet Çambel zu verdanken. Sie entwickelte in den 1950er Jahren das Konzept für ein Freilichtmuseum, das die Reliefs der monumentalen Toranlagen und den sie umgebenden Wald heute gleichermaßen schützt und erlebbar macht.
Am Abend erreichten wir Osmaniye, wo wir für eine Nacht Station machten.
Freitag, 24.04.2026
Tag 2: Zincirli, Tilmen Höyük, Yesemek, Oylum Höyük
Am zweiten Tag der Exkursion standen insgesamt vier archäologische Fundorte auf dem Programm. Nach etwa einstündiger Busfahrt erreichten wir zunächst Zincirli, das sich in einer Region befindet, die stark von Erdbeben betroffen ist. Die Fundstätte war über ein bäuerlich geprägtes Dorf zugänglich, das teilweise auf den Überresten der ehemaligen Stadt errichtet wurde. Aufgrund dieser Überbauung konnte bislang nur ein Teil der antiken Siedlung archäologisch freigelegt werden. Vor Ort trafen wir Prof. Atilla Engin von der Universität Gaziantep, der uns anhand der Ausgrabungen zusätzliche Informationen zur Geschichte und Struktur der Stadt vermittelte und dadurch einen vertieften Eindruck der Fundstätte ermöglichte.
Anschließend besuchten wir den Siedlungshügel Tilmen Höyük. Die Anlage liegt neben einem durch Hochwasser stark angeschwollenen Fluss und erstreckt sich über den angrenzenden Hügel. Besonders eindrucksvoll war der noch erhaltene Steinlöwe am ehemaligen Eingang der Palastanlage. Ebenso bemerkenswert waren die weitläufigen Fundamentreste des Palastes, dessen erhöhte Lage einen umfassenden Überblick über die umliegende Landschaft bot.
Der nächste Programmpunkt war Yesemek, ein antiker Steinbruch, in dem Figuren und Stelen zunächst grob aus dem örtlichen Gestein herausgearbeitet und anschließend für den Weitertransport vorbereitet wurden. Während wir die Treppenanlage zu weiteren Stelen und Skulpturen hinaufstiegen, berichtete Herr Schachner, dass Prof. Engin, der uns bereits seit Zincirli begleitete, verhindert hatte, dass Yesemek von einem Dammbauprojekt in unmittelbarer Nähe unter Wasser gesetzt wurde.
Im weiteren Verlauf des Tages setzten wir unsere Fahrt nach Oylum Höyük fort, dem letzten Ziel des Tages. Während der Fahrten zwischen den einzelnen Stationen bot sich uns die Möglichkeit, sowohl die Landschaft als auch die Kultur der dort lebenden Menschen näher kennenzulernen und zahlreiche neue Eindrücke zu sammeln.
Vor der Weiterfahrt nach Oylum Höyük war zunächst ein Besuch in einem Museum in der angrenzenden Stadt Kilis, nahe der syrischen Grenze, geplant. Dieser konnte jedoch aufgrund einer Veranstaltung an diesem Tag nicht stattfinden. Die archäologische Ausstellung war zu dieser Zeit gesperrt und nur für ausgewählte Personen zugänglich. Stattdessen entschieden Herr Schwemer und Herr Schachner kurzfristig, uns einen historischen Stadtteil mit arabisch geprägter Architektur zu zeigen. Nachdem einige Mitglieder der Exkursionsgruppe Geld gewechselt hatten, setzten wir unsere Fahrt nach Oylum Höyük fort, dem größten Tell im Südosten der Türkei.
Nach unserer Ankunft wurden wir zügig auf das Gelände geführt. Da es sich um eine laufende Ausgrabung handelt, war dieses der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich. Oben auf dem Tell angekommen, bot sich uns ein beeindruckender Ausblick über das gesamte umliegende Gebiet sowie auf die Ausgrabungsstätte. Ein Student der dortigen Universität, der uns Informationen zu den Funden vermittelte, war aufgrund des starken Windes zum Teil nur schwer zu verstehen; man konnte sich vorstellen, wie schwierig die Bedingungen sind, unter denen hier im Hochsommer auf der Hügelkuppe gegraben wird.
Am Fuß des Tells lag eine oströmische Basilika. Diese wurde durch einen umfunktionierten Flugzeughangar, der sich über den Überresten erstreckt, geschützt. Teile des Mosaikbodens waren noch sehr gut erhalten. Darüber hinaus vermittelten die freigelegten Fundamentreste einen Eindruck von den ursprünglichen Ausmaßen der Basilika.
Am Abend erreichten wir Gaziantep, wo wir die folgenden zwei Nächte verbringen sollten. Die Stadt ist bekannt für ihre Esskultur; lange Schlangen vor Restaurants führten zu einem ungeplanten, aber eindrucksvollen einstündigen Stadtrundgang auf der Suche nach dem Abendessen. Nachdem wir (unter anderem) den örtlichen Basar passiert hatten, kehrten wir schließlich in ein Kebap-Restaurant unweit unseres Hotels ein und ließen den Tag gemütlich ausklingen.
Samstag, 25.04.2026
Tag 3: Karkemiš, Zeugma, Halfeti/Rumkale
Da wir eine weitere Nacht in Gaziantep verbrachten, konnten wir ohne Kofferpacken in den Tag starten. Zunächst fuhren wir nach Karkemiš, das für verschiedenste Herrscherdynastien und Kulturen der Bronze- und Eisenzeit bedeutend war, da es zumindest in hethitischer Zeit eine wichtige Furt über den Euphrat kontrollierte. Vor Ort wurden wir jedoch zunächst mit jüngerer politischer Geschichte konfrontiert, da die türkisch-syrische Grenze direkt durch Karkemisch verläuft, sodass die Unterstadt auf syrischer Seite liegt. Da die Akropolis der Stadt unter einer türkischen Militärbasis liegt, beschränkte sich unser Rundgang auf die niedriger gelegenen Gebiete.
Dass Archäologie sich dabei nicht nur auf weit zurückliegende Jahrtausende beschränkt, wurde eindrucksvoll durch das ausgegrabene Grabungshaus der britisch-archäologischen Mission des 20. Jahrhunderts bewiesen, wobei wir Einblicke in die politischen Verwicklungen der Beteiligten, allen voran des Briten T. E. Lawrence („Lawrence of Arabia“), erhielten. Karkemiš war für viele Kulturen bedeutend, weswegen wir sehr unterschiedliche Architekturreste sahen: von der römischen Säulenpromenade aus der Zeit, in der die Stadt Europos hieß, über das westliche und südliche Stadttor der lokalen Dynastien bis hin zu dem Palastgebäude des lokalen Königs Katuwa und des assyrischen Herrschers Sargon II. Aus diesem Bereich wurden zahlreiche Orthostatenreliefs geborgen, die zum Teil in situ und zum Teil in Ankara verblieben. In der Nähe befindet sich außerdem ein Hilani-Tempel, von dem aus man auf eine moderne Eisenbahnbrücke über den Euphrat blicken kann.
Nachdem es in Karkemiš doch recht schwül war, sorgte der nächste Ort, das hellenistisch-römische Zeugma, bei der Exkursionsgruppe allein schon durch die blühende Landschaft und das erfrischende Klima am Birecik-Stausee für Begeisterung. Besagter Stausee war in den 1990er-Jahren Anlass für zahlreiche Notgrabungen, da Zeugma und seine Zwillingsstadt Apamea heute größtenteils unter dem Wasserspiegel liegen. Die meisten der dabei gefundenen Mosaiken befinden sich heute im Mosaik-Museum in Gaziantep, das wir am nächsten Tag ebenfalls besuchten. In Zeugma selbst wurden Teile der Stadt durch einen Erdrutsch konserviert, sodass wir mehrere römische Häuser in situ besuchen konnten. Hervorzuheben sind die nach Mosaiken benannten Häuser der Danae und des Dionysos. Anschließend blieb uns noch Zeit, die idyllische Landschaft etwas länger zu genießen.
Anschließend folgte eine längere Busfahrt zu unserer letzten Tagesstation, der Aussichtsplattform bei Halfeti. Ihr gläserner Boden sorgte für einen exzellenten Ausblick, bei den nicht schwindelfreien Mitgliedern der Gruppe aber durchaus auch für einigen Nervenkitzel. Das Panorama über die Euphratschleife mit den Ruinen der Festung Rumkale lässt sich jedenfalls nicht geringer als atemberaubend bezeichnen. Die Festung selbst wurde von den Byzantinern gebaut und war im Mittelalter ein wichtiges armenisches Zentrum innerhalb des Kreuzfahrerstaates Edessa, da hier von 1150 bis 1291 der Katholikos der armenischen Kirche residierte. Das wechselvolle Schicksal der Festung in mamlukisch-osmanischer Zeit bot auch Anlass, über das schwierige armenisch-türkische Verhältnis zu sprechen. Da der Abend bereits recht weit vorangeschritten war, aßen wir im Restaurant der Aussichtsplattform, wobei manch ein Teilnehmer auch in den Genuss von Fisch kam. Im Schutz der Dunkelheit ging es dann zurück nach Gaziantep.
Sonntag, 26.04.2026
Tag 4: Gaziantep, Kahramanmaraş, Adıyaman/Perre
Sonntag war Museumstag. Zuerst besuchten wir das Zeugma-Mosaikmuseum in Gaziantep. Bereits kurz vor Beginn der Öffnungszeit bildete sich hier eine lange Besucherschlange, was auf das rege Interesse an der eigenen Kultur schließen ließ.
Nachdem wir gestern schon vor Ort in die antike Stadt Zeugma eingetaucht waren, konnten wir heute noch mehr der dort damals verlegten Bodenmosaiken bestaunen. Da Zeugma am Ufer des Euphrats lag, gab es hier auch eine personifizierte Darstellung des Flusses als Gottheit mit seinem Fischreichtum.
Es waren auch Mosaiken aus anderen antiken Stätten römischer und griechischer Zeit zu sehen. Die teilweise sehr detaillierten Darstellungen griffen die Themen Liebe und Freude (verbunden mit dem Wein), die Huldigung des Reichtums der Natur sowie die Theaterkultur der Gegend mit Szenen und Masken auf. Eine große Rolle spielte auch die Mythologie. Des Weiteren verstanden es die damaligen Künstler und Handwerker, durch geometrische Muster und Farben die Illusion einer Dreidimensionalität zu erzeugen. Alles in allem waren diese Mosaiken sehr beeindruckend.
Die Fahrt ging weiter nach Kahramanmaraş am Fuße des Taurus. Die Ebene ist seit dem 7. Jahrtausend besiedelt und war von enormer Wichtigkeit für den Handel beidseitig des Taurus am Übergang nach Kayseri.
Im ersten Raum des archäologischen Museums „begrüßte“ uns ein Elefantenskelett, was uns alle ziemlich erstaunte. Doch die Erklärung von Herrn Schachner erfolgte sogleich: Die Elefanten kamen hier natürlich vor, ebenso wie Leoparden, Löwen und Flusspferde, denn die Türkei liegt am Schnittpunkt von drei sich überlappenden Zonen – der eurasischen, der afroarabischen und der iranisch-türkischen.
Analoges gilt auch für die Pflanzen. Die Biodiversität ist hier besonders groß. Die zahlreichen Tier- und Pflanzenarten wurden auf entsprechend vielfältige Weise vom Menschen nutzbar gemacht, was einen entscheidenden Impuls für die menschliche Entwicklung gab.
Die Räume im Museum waren chronologisch nach Zeitepochen angeordnet und gaben einen guten Überblick über die Entwicklung in der Region. Es gab zahlreiche Exponate und Kleinfunde in Vitrinen, zum Beispiel Werkzeuge, Keramik, Reliefstücke, Stelen, Keilschrifttafeln und Schmuck. Der Bogen spannte sich vom Paläolithikum zur bäuerlichen Siedlung Domuztepe, weiter über die assyrische, hethitische und römisch-griechische Epoche bis in die byzantinische Zeit.
Die letzte Station war Adıyaman, wo wir die antike Stadt Perre erkunden konnten. Perre war zusammen mit vier weiteren Städten Teil des hellenistischen Königreiches Kommagene, das das Gebiet vom Taurus bis in die syrische Ebene kontrollierte, und hatte auch religiöse Bedeutung. Die Stadt wurde von den Sassaniden zerstört.
Man kann heute noch in die vielen Kammergräber der damaligen Familien hineingehen; ihr Inhalt wurde aber bereits in der Antike geplündert. Es gab auch einst zahlreiche Werkstätten, zum Beispiel für die Wollverarbeitung, sowie eine Traubenpresse und eine Backstube.
Am Ende des Tages erreichten wir die Stadt Kâhta, in der wir die Nacht verbrachten, um früh am nächsten Morgen zum Berg Nemrut Dağı aufzubrechen.
Montag, 27.04.2026
Tag 5: Nemrut Dağı, Karakuş, Şanlıurfa
Nach einer gewittrigen Nacht mit heftigem Regen starteten wir in Richtung Nemrut Dağı. Von Weitem kam der 2150m hohe Bergkegel mit Schneefeldern im Gipfelbereich in Sicht. Bei heftigem kaltem Wind stapften wir vom hochgelegenen Parkplatz die restlichen Höhenmeter durch Schnee und Gestein zur Ostterrasse des Grabhügels, der schon 1882 von Otto Puchstein erforscht wurde. Dort überwältigte uns der ca. 7m hohe Sockel mit fünf erhabenen Thronen aus Stein. Eingerahmt von Löwe und Adler standen vor uns die Skulpturen von König Antiochos, der Landesgöttin Kommagene und griechisch-persischen Gottheiten. Die Skulpturen der West- und Nordterrassen konnten wir trotz aller bergsteigerischen Anstrengungen einiger Gruppenmitglieder nicht besichtigen, da beide zu dieser Jahreszeit noch unter Schneedecken verborgen waren.
Wieder in der Ebene erreichten wir die Septimus Severus Brücke (198/200 n.Chr.), die den Cendere Çayı überspannt. Zu Fuß überquerten wir den schäumenden Fluss und fuhren anschließend weiter nach Şanlıurfa zum Besuch im dortigen Mosaikmuseum.
Auf der anderen Flussseite erwartete uns eine weitere Gedenkstätte auf dem Gipfel eines Berges: Karakaş. Ursprünglich gab es hier drei Säulenpaare, die von Antiochos′ Sohn Mithridates II. errichtet wurden, um auch die Frauen der Familie zu verewigen; Antiochos′ Frau Isias, seine Töchter Laodike und Antiochis und seine Enkelin Aka. Davon sind heute allerdings nur noch vier der ursprünglichen Säulen erhalten. Von ihnen aus hat man direkten Blick auf den schneebedeckten Gipfel des Nemrut Dağı (und das größere Denkmal des Antiochos) in der Ferne.
Am späten Nachmittag erreichten wir die letzte Station des Tages: die Moschee mit dem Balıklıgöl (bzw. Teich des Abraham). Hier konnten wir in goldener Abendsonne die Atmosphäre eines der heiligsten Orte des Islam in der Türkei auf uns wirken lassen. Nach islamischer Tradition wurde der Prophet Ibrahim an diesem Ort von Nemrut ins Feuer geworfen, aber durch ein göttliches Wunder gerettet, das die Flammen in einen Teich und die Holzscheite in Karpfen verwandelte. Die an den Teich angrenzende Höhle, in der Ibrahim geboren worden sein soll, ist heute allerdings nur durch den Männereingang der Moschee zugänglich; für Frauen gibt es einen separaten, unscheinbaren Gebetsraum.
Nach einem kurzen Fußweg und einer ebenso kurzen Busfahrt erreichten wir das Hotel, das für die zwei kommenden Nächte unsere Basis in Urfa sein sollte.
Am nächsten Morgen fuhren wir von Şanlıurfa ins etwa 15 Kilometer nordöstlich gelegene Göbekli Tepe, das als weltweit erste bekannte Kultstätte gilt und seit 2018 UNESCO-Welterbestätte ist. Im Besucherzentrum, das jedes Jahr viele tausend Touristen aus der ganzen Welt anzieht, wird die Entstehung und Bedeutung von Göbekli Tepe anschaulich erläutert und visualisiert.
Nach dem Ende der Eiszeit ab 19.000 v. Chr. war Nordmesopotamien von einer Tundrasteppe geprägt. Dort wuchs Wildweizen, den die ersten Menschen sammelten. Vor etwa 12.000 Jahren entstand in durch ein bis dahin unbekanntes Level an Gemeinschaftsarbeit der älteste bekannte Großbau, der als Kultstätte womöglich für Initiationsriten diente. Die bis zu sechs Meter hohen, tonnenschweren und mit Reliefs verzierten T-Pfeiler repräsentieren Männer.
Die Anlage umfasst drei zusammenhängende, kreisrunde Kultplätze, die wahrscheinlich überdacht waren. Um die bei den Kulthandlungen versammelten Menschen mit Nahrung versorgen zu können, reichte das Sammeln und Jagen nicht aus. So begannen die im Umfeld lebenden Menschen damit, selbst Nahrung zu produzieren, und entwickelten dazu den Ackerbau. In der Folgezeit entstanden weitere Siedlungen im Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds, und die Menschen wurden langsam von Konsumenten zu Produzenten. Entscheidend für den Beginn des Neolithikums ist, wie uns Herr Schachner einschärfte, nicht die Sesshaftigkeit, sondern eben diese Produktion von Nahrungsmitteln durch Ackerbau und Viehzucht.
Nach einer einstündigen Fahrt durch eine trockene und steinige Einöde Richtung Südosten erreichten wir Karahan Tepe, eine ebenfalls neolithische Kultstätte auf einem Kalksteinhügel in einer weiten, kargen und hügeligen Landschaft. Die Anlage von Karahan Tepe ist größer als Göbekli Tepe. Die Besonderheit dieses Ortes besteht darin, dass die T-Pfeiler in einem Rundbau aus dem Boden geschält wurden—das heißt, der Fels wurde um die Pfeiler herum abgetragen, anstatt die Pfeiler am Bestimmungsort aufzustellen.
Ein sensationeller Fund der jüngeren Ausgrabungen in Karahan Tepe ist eine große sitzende männliche Steinfigur mit abgemagerten Rippen und einem großen Penis, die noch vor Ort steht. Tierreliefs gibt es hier dagegen—im Gegensatz zu den Darstellungen von Göbekli Tepe—kaum.
Als nächstes hielten wir in Soğmatar, einer einsamen Siedlung inmitten einer Steinwüste mit nur wenigen Häusern. Als wir zur Ruine eines Mondgott-Tempels auf einen der Steinhügel stiegen, strömten die Kinder des Ortes gerade aus der Schule, und ein paar der Kinder, die uns neugierig hinterhergeklettert waren, erwiesen sich als hilfreiche Ortsführer. Sie zeigten uns den Weg zu einem Felsengrab, in dessen Wände syrisch-aramäische Inschriften und Reliefs des Mondkults eingemeißelt waren.
Die letzte Etappe unserer heutigen Tour führte nach Süden in die Stadt Harran. Die Stadt existiert seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. und liegt in einer fruchtbaren Ebene nahe der syrischen Grenze am Fluss Balich. Sie gilt als Kornkammer und war ständig besiedelt, allerdings unter wechselnden Herrschaften. Im sogenannten Harran-Census wurden in neuassyrischer Zeit Familien auf Tontafeln erfasst. In neubabylonischer Zeit war Harran ein Kultzentrum des Mondgottes. In der Römerzeit war die Stadt (unter dem Namen Carrhae) Schauplatz einer vernichtenden Niederlage des Crassus im Partherkrieg.
Ab dem 7. Jahrhundert war Harran arabisch geprägt, und die christliche Basilika wurde in eine Moschee mit quadratischem Minarett und zeltförmigem Dach umgewandelt. Im 13. Jahrhundert wurde Harran von den Mongolen zerstört. Eine bauliche Besonderheit in Harran sind die "Bienenkorbhäuser" mit kegelförmigen Dächern, die in der großen Sommerhitze den Innenraum besonders kühl halten.
Mittwoch, 29.04.2026
Tag 7: Şanlıurfa Museum, Dara, Mardin
Nach einer weiteren Nacht in Urfa fuhren wir direkt zur Öffnungszeit ins archäologische Museum der Stadt.
Das Museum zog 2015 in ein modernes Gebäude, das ausreichend Platz für die große Sammlung zur Geschichte von Stadt und Region bietet. Die Ausstellung glänzt insbesondere durch ihre Anschaulichkeit. Zwischen so bedeutenden Fundstücken wie dem Urfa-Mann (eine Statue, die bis zum Fund der oben erwähnten Männerstatue in Karahan Tepe 2023 als älteste Darstellung eines Menschen in Lebensgröße betrachtet wurde) wurden Gebäude der verschiedenen Epochen auf Basis der nahegelegenen Ausgrabungsstätten in Originalgröße nachgebaut. Entsprechend groß war auch hier der öffentliche Andrang.
Nach der Museumsbesichtigung brachte uns eine lange Busfahrt nach Dara.
Das moderne Dorf liegt auf den Überresten einer im 6. Jahrhundert n. Chr. gegründeten Stadt, die sich über neun Quadratkilometer erstreckte. Auch Dara ist ein Tourismusmagnet der Region, und mit uns besichtigten zahlreiche Schüler- und Reisegruppen die gut erhaltenen Gebäudereste des früheren Stadtkerns. Besonders eng wurde es auf der schmalen Treppe, die ins Gewölbe einer riesigen unterirdischen Wasserzisterne hinunterführte. Das Fassungsvermögen des in den Felsen gehauenen Wasserspeichers war gigantisch, aber auch dringend notwendig; die spätantike Festung sicherte lange Zeit die römische Ostgrenze gegen das Vordringen der Sassaniden. Bei längeren Belagerungen konnte auf das Wasserdepot zurückgegriffen werden.
Weiter ging es in südöstlicher Richtung nach Mardin. Die Stadt liegt am Hang des Tur-Abdin-Gebirges, dem Zufluchtsort der syrisch-aramäischen Christen vor den Sassaniden. Mardin ist sehr pittoresk, allerdings auch einer der stärker vom Tourismus geprägten Orte in der Türkei. Bei unserer Ankunft fing es an zu nieseln, und wir suchten Schutz im archäologischen Museum der Stadt, das sich am antiken Stadtplatz im Zentrum Mardins befindet. Zwei Terrassen bieten einen fantastischen Blick weit über die obermesopotamische Ebene.
Das Museum selbst beherbergt eine beachtliche Kollektion von Stein- und Keramikartefakten aus der gesamten Geschichte der Gegend – von den Assyrern, Römern, Byzantinern, Sassaniden, Artukiden und Osmanen. Von Schmuck und Tonfiguren über Münzen bis hin zu Waffen war alles in dem Museum zu finden.
Nur wenige Meter vom Museum entfernt hielten wir an einer kleinen Kirche und gingen diese ebenfalls erkunden. Es stellte sich heraus, dass diese Kirche – die Mar-Hürmüzd-Kilisesi – ein wichtiges Zentrum der nestorianisch-christlichen Glaubensbewegung ist. Ein Priester erklärte uns vor dem wunderschönen weiß-blauen Holzaltar, dass die Nestorianer die Konzile von Ephesos (431 n. Chr.) und Chalkedon (451 n. Chr.) ablehnten und die Bibel selbst interpretierten. Im Ort gab es bis 1881 viele nestorianische Kirchen; dann wurden alle bis auf vier von der osmanischen Regierung beschlagnahmt. In der modernen Stadt Mardin gibt es nur noch eine Familie, die der Glaubensrichtung angehört.
Bevor der nächste Regenguss einsetzte, konnten wir noch ein wenig die Altstadt erkunden; dann brachte uns der Bus ins Hotel im neueren Teil der Stadt.
Donnerstag, 30.04.2026
Tag 8: Midyat, Anıtlı, Hasankeyf, Malabadi-Brücke, Silvan, Diyarbakır
Wie jeden Morgen ging es auch in Mardin wieder früh los, damit wir 7 Uhr frühstücken und uns anschließend auf die Weiterreise begeben konnten. Als Erstes ging es nach Midyat, einer Stadt, die früher eine große christliche Gemeinde beherbergte, die aber auch hier immer mehr schwindet. Die christliche Gemeinde ist nun schon so klein, dass die beiden christlichen Konfessionen der Region—syrisch-orthodox und assyrisch—den Gottesdienst in den 5 bis 6 Kirchen der Stadt gemeinsam begehen. Die Kirche Mor Sharbel, die wir besuchten, war syrisch-orthodox.
Dann ging es mit dem Bus weiter nach Anıtlı, wo wir ebenfalls eine Kirche besuchten. Dabei handelte es sich um eine sehr alte Kirche, die auf ein Mariendenkmal aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. zurückgeht und der heiligen Jungfrau Maria gewidmet ist. Der Legende nach wurde an jenem Ort ein Betttuch vergraben, das die heilige Jungfrau den Heiligen Drei Königen als Dank mitgegeben hatte. Darauf wurde dann eine Gedenkkirche errichtet. In dieser Gemeinde leben heute noch etwa 20 Familien, alle Christen.
Die nächste Etappe führte uns zum Hasankeyf Museum. Hier konnten wir uns viele Exponate aus dem Neolithikum, aber auch die Nurian-Bronzen aus der frühen Bronzezeit anschauen, während uns Herr Schachner durch das Museum führte. Als wir das Museum verließen, um uns auf den Weg zurück zum Bus zu machen, konnten wir außerdem eine beeindruckende Gewitterwolke bewundern, die aus den Bergen ins Tal zog.
Einen kurzen Zwischenstopp machten wir bei der Malabadi-Brücke, deren Bau im 6. Jahrhundert n. Chr. begonnen wurde und die (wie wir feststellten) ein beliebtes Ausflugsziel ist. Der malerische Blick über den Batman Çayı wird auch gern als Hintergrund für Hochzeitsfotos verwendet.
Nach einem letzten Halt in Silvan (um uns am Stadtrand den Löwenturm, Teil der seldschukischen Festungsanlage, anzusehen) erreichten wir abends Diyarbakır, die letzte Etappe der Exkursion. Das Hotel erlaubte einen großartigen Blick auf die monumentale Festungsanlage am Hang von Diyarbakır, auf die einige Gruppenmitglieder nach dem Abendessen noch hinaufkletterten.
Freitag, 01.05.2026
Tag 9: Tigristunnel (Birkleyn), Eğil, Çayönü
Der Exkursionstag begann am Tigristunnel bei Birkleyn im Quellgebiet des Tigris. Der Tunnel befindet sich in einer geologisch markanten Karstlandschaft an einer Erdbebenzone, in der sich der Fluss über etwa einen Kilometer durch das Gestein gearbeitet hat. Für die Assyrer galt dieser Ort als Ursprung des Tigris und besaß dadurch eine besondere ideologische und kultische Bedeutung. Besichtigt wurden zunächst die Reliefs und Inschriften an der ersten Höhle sowie anschließend eine weitere Höhle, Cave 2, die nur über das felsige Gelände erreichbar ist. Die Reliefs stammen unter anderem von Tiglatpileser I. und Salmanassar III. und zeigen Herrscherfiguren im Profil mit erhobener Hand, begleitet von Keilinschriften. Besonders hervorgehoben wurde die strategische Lage des Gebietes im Zusammenhang mit den assyrischen Westexpansionen und der Kontrolle über die Randgebiete Nordmesopotamiens. Zudem wurde erläutert, dass die Region bereits viel früher, im Neolithikum, im Zusammenhang mit dem Obsidianhandel von Bedeutung war.
Anschließend führte die Exkursion nach Eğil. Dort wurden die Festungsanlagen sowie das assyrische Felsrelief besichtigt, das vermutlich aus der Zeit Sargons II. stammt und den Gott Adad zeigt. Dabei wurde erläutert, dass die Anlage aufgrund ihrer erhöhten Lage eine wichtige Kontrollfunktion über das umliegende Tal und die Verkehrswege entlang des Tigris erfüllte. Danach konnten die oberhalb gelegenen Befestigungen selbstständig erkundet werden.
Die letzte Station des Tages war die neolithische Fundstelle Çayönü. Vor Ort wurden die unterschiedlichen Bauphasen der Siedlung erläutert, darunter Rundbauten, die sogenannte Grillplan-Phase sowie spätere rechteckige Gebäude. Besondere Aufmerksamkeit galt dem Terrazzo-Gebäude mit seinem roten Boden, das auf soziale Differenzierungen innerhalb der Siedlung hinweist. Aufgrund eines starken Gewitters musste die Besichtigung jedoch vorzeitig beendet werden.
Samstag, 02.05.2026
Tag 10: Diyarbakır, Zerzevan, Tigris-Brücke
Leider muss auch die schönste Exkursion zu Ende gehen, und wir konnten einen letzten Tag bei herrlichem Wetter in Diyarbakır verbringen. Zunächst ging es in das archäologische Museum in der İç Kale, der Inneren Burg, in dem wir unter anderem Funde aus Çayönü sehen konnten, das wir bereits am Vortag besucht hatten. Außerdem begrüßte uns vor dem Museum ein Orthostat mit apotropäischen Apkallus, dessen Gegenstück wir bereits in Mardin gesehen hatten.
In der Anlage befand sich auch die St.-Georgs-Kirche, ein Bau aus dem 6. Jahrhundert, der in osmanischer Zeit als Hamam, also als türkisches Bad, genutzt wurde und heute dem Betrachter eindrücklich die Bauweise einer spätantiken Kirche vor Augen führt. Als Nächstes begaben wir uns in das muntere Straßentreiben Diyarbakırs, um noch die Stadt und ihre historischen Bauwerke zu erkunden. Gerade noch rechtzeitig vor dem Freitagsgebet schafften wir es in die Moschee, die in ihren baulichen Ursprüngen auf eine byzantinische Kirche zurückgeht und durch die Seldschuken ihre heutige Form erhielt.
Nach einem kurzen Stadtspaziergang hieß es aber schon Abschied nehmen von der belebten Innenstadt, und es ging nach Zerzevan. Diese archäologische Stätte war in oströmischer Zeit eine Festungsanlage zum Schutz des Reiches nach Osten. Besonders beeindruckend waren die unterirdischen, in den Felsen gesetzten Strukturen, darunter ein sehr gut erhaltenes Mithräum.
Den Abschluss unserer mitunter anstrengenden, aber immer sehr interessanten Exkursion verbrachten wir, typisch türkisch, beim Çay an der Tigris-Brücke, wo uns zum Schluss das schlechte Wetter einholte. Aber genau wie die Fans des lokalen Fußballvereins, die den Aufstieg ihres Clubs feierten, konnte uns der strömende Regen die Laune nicht verderben.




