piwik-script

Intern
Professur für Museologie

Das Fach Museologie / Museumswissenschaft

Internationale Etablierung

Deutschland zählt mit seinen rund 6.800 Häusern zu den führenden Museumsländern und gilt wegen der 1565 in München publizierten, ersten Museumsschrift als „Birthplace of Museology” (J. D. Aqulina). Dennoch hinkt man hierzulande im Bereich der vom International Council of Museums (ICOM) seit den 1950er Jahren geforderten akademischen Museumsausbildung deutlich hinterher. 

Für die museologische Fachentwicklung war die Diskussion um die gesellschaftliche Verantwortung von Museen im Zuge der 68er-Bewegung zentral. Sie führte zu einer inhaltlichen Erneuerung der Museen (New Museology) sowie zu einer Professionalisierung von Museumsarbeit und -ausbildung. In diesem Kontext entstanden in Großbritannien, Kanada und den USA bis heute über 50 Studiengänge, in Europa gibt es laut European Museum Academy (EMA) an über 70 Hochschulen und Universitäten Studiengänge, die auf Museumsarbeit vorbereiten. Zuletzt wurden Dutzende weitere Studienmöglichkeiten weltweit etabliert. Damit hat sich das Fach Museologie (Museology, Museum Studies, Museumskunde, Museumswissenschaft/en) in den letzten Jahrzehnten von der Rolle einer Hilfswissenschaft emanzipiert: „Museology is well established in many universities today.” (J.-P. Lorente) Das Fach ist als eigenständige akademische Hochschul- bzw. Universitätsdisziplin international längst „erwachsen geworden” (S. MacDonald). 

Entwicklung in Deutschland: Volontariat versus museologisches Studium

In Deutschland ist die Entwicklung zwiegespalten: Während in der ehemaligen DDR eine Ausbildungsstätte für Museologie in Leipzig eingerichtet wurde, blieb es in der Bundesrepublik bei Versuchen. Daher bildet das Museumsvolontariat, ein zweijähriges, museumsinternes und praxisorientiertes Learning-on-the-job nach dem Studium, bis heute zumeist den Einstieg in eine Museumslaufbahn. 

Erst nach der Wiedervereinigung und im Zuge der Bologna-Reform kam es zu einer verhaltenen Akademisierung der Museumsausbildung: zunächst an den Fachhochschulen (heute: Hochschulen) in Leipzig und Berlin, ab der Jahrtausendwende vermehrt an Kunsthochschulen und Universitäten. Dies betrifft die Einführung eigenständiger museologischer oder kuratorischer BA- und MA-Studiengänge, aber auch die Einrichtung museologischer Ergänzungsbereiche, Schwerpunkte oder Profillinien ohne eigenständigen akademischen Abschluss im Kontext traditioneller Museumsfächer. 

Als eigenständiges Fach bzw. im Rahmen eigener Professuren/Lehrstühle ist „Museologie/Museumskunde” laut „Arbeitsstelle Kleine Fächer” gegenwärtig an vier Universitätsstandorten vertreten: in Würzburg (2010/11), Hamburg (2016), Tübingen (2016) und Erlangen (2019). Die Professur für Museologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg nahm im Wintersemester 2010 ihren Lehrbetrieb auf und wurde im Frühjahr 2011 als eigenständiges Institut eingerichtet. 

Verhältnis zu den traditionellen Museumsfächern 

In der seit langem praktisch ausgerichteten deutschen Museumslandschaft, die mit dem Museumsvolontariat ein internes praxisorientiertes Museumstraining anbietet, das jedoch zu keinem zertifizierten Abschluss führt und weniger theoretisch ausgerichtet ist, ist es nicht einfach, Anerkennung für eine im Ausland längst etablierte akademische Ausbildung des Museumsnachwuchses zu finden. Denn in Deutschland dominieren traditionelle Museumsfächer – v.a. Altertums- und Geschichtswissenschaften, Kunstgeschichte sowie ethnologische und naturwissenschaftliche Disziplinen – die Museumsarbeit und Museumsforschung. Letztere betreiben sie primär aus ihrer jeweiligen fachspezifischen Sicht. Weil sie sich dabei vorwiegend mit den in Museen bewahrten Quellen bzw. Objekten auseinandersetzen, spricht Friedrich Waidacher – ihm wurde 2002 am Institut für Geschichte der Universität Graz/Österreich die erste Professur für Museologie an einer deutschsprachigen Universität verliehen – von „Quellenwissenschaften”. 

Dieser quellenwissenschaftlich-objektzentrierten Perspektive steht eine ganzheitlich-museologische Forschungsperspektive gegenüber: Diesbezüglich definiert die Museologie ihren Erkenntnisgegenstand vom „Museumsobjekt über die Institution Museum und ihre Funktionen bis zur musealen Beziehung des Menschen zur Wirklichkeit” (F. Waidacher), ihr Blick ist per se holistisch-integrierend sowie inter- und transdisziplinär. Aktuell evozieren zudem Debatten um partizipative, sozial inklusive, antirassistische, antisexistische und postkoloniale Ansätze ein neues museologisches Verständnis von Museumsarbeit. 

Insofern stehen die Quellenwissenschaften in einer Wechselbeziehung zur Museologie und Museumswissenschaft, verfolgen diesbezüglich im Allgemeinen aber andere Erkenntnisziele und ergänzen sich idealerweise in der Museumspraxis mit der Museologie. Allerdings wird diese ganzheitlich-museologische Forschungsperspektive in Deutschland bislang nur wenig rezipiert und muss deshalb stärker in die Fachdiskurse eingespeist und dringend durch Vernetzungsmaßnahmen der museologischen Hochschulstandorte in Deutschland gefördert und ausgebaut werden.

 


Literaturhinweise

Arbeitsstelle Kleine Fächer, Universität Mainz: Kartierung, hier Eintrag Museologie/Museumskunde. Online: https://www.kleinefaecher.de/kartierung.html (Stand: 12.4.2020).

Aqulina, Janick Daniel: The Babelian Tale of Museology and Museography: A History in Words, S. 3. URL: museology.ct.aegean.gr/articles/2011104162340.pdf (letzter Aufruf am 5.11.2014).

Fackler, Guido: „Die Museumswissenschaft ist erwachsen geworden”: Zur Fachgeschichte der Museologie, zur Museumsausbildung und zum Würzburger Studienangebot. In: Museumskunde 79 (2014), Nr. 2, S. 40-46. Download

Lorente, Jesus-Pedro: The development of museum studies in universities: from technical training to critical museology. In: Museum Management and Curatorship, 27 (2012), Nr. 3, S. 237-252, Zitat S. 245-246. 

MacDonald, Sharon: Museen erforschen. Für eine Museumswissenschaft in der Erweiterung. In: Joachim Baur (Hg.): Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld 2010, S. 49–69, Zitat S. 47 (Übersetzung und Überarbeitung durch Joachim Baur von: Sharon MacDonald: Expanding Museum Studies: An Introduction. In: Sharon MacDonald (Hg.): A Companion to Museum Studies, Oxford 2006, S. 1-12). 

Waidacher, Friedrich: Von Orchideen und Disteln: Museologie im Spannungsfeld zwischen Ahnungslosigkeit und Verweigerung. In: Museologie Online 5 (2003), S. 1-24, Zitate S. 7, 22. Online im Internet: URL: www.vl-museen.de/m-online/03/waidacher.pdf (Stand: 5.12.2011).